Bülow, Hans von

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Bülow, Hans von

„Des Sängers Fluch“ Op. 16 (Ballad for orchestra)

Art.-Nr.: 1419 Kategorie:

19,00 

Hans von Bülow

(geb. Dresden, 8. Januar 1830 – gest. Kairo, 12. Februar 1894)

Des Sängers Fluch

Vorwort

Hans von Bülow führte ein bemerkenswertes Leben unter den berühmtesten Persönlichkeiten der romantischen Musik im ausgehenden 19. Jahrhundert. Er wurde 1830 in Dresden geboren und begann seine musikalischen Studien im Alter von neun Jahren bei Friedrich Wieck. 1849 verlangten seine Eltern, dass er ein Jurastudium antrete, und schickten ihn nach Leipzig, wo er Franz Liszt und Richard Wagner kennenlernte. Er hörte Wagner als Dirigent in Dresden und besuchte 1850 die Premiere von Lohengrin unter Liszts Leitung in Weimar. Zu diesem Zeitpunkt hatte er eine Karriere als Jurist längst nicht mehr im Sinn, und auf Wagner Empfehlung trat er seinen ersten Posten als Dirigent in Zürich an. Diese Stellung allerdings war nur von kurzer Dauer, und so fand er eine Anstellung an dem kleinen Opernhaus von St. Gallen, wo er – so wird gerühmt – Webers Der Freischütz ohne Hilfe der Partitur dirigierte.

1851 begann er ein Klavierstudium bei Liszt in Weimar. Hier begann er, zu komponieren und Rezensionen zu schreiben. Darauf folgte bis 1854 eine Periode als reisender Klaviervirtuose. Während dieser Zeit waren seid Interpretationen der Werke Beethoven und seine Fähigkeit, dessen Werke auswendig zu spielen, zur Legende geworden, so dass sogar Hugo Wolf dreißig Jahre später bemerkte, dass Bülow „unter den Virtuosen unübertroffen dasteht als Gestalter klassischer Musik, insbesondere der Werke von Beethoven“. 1855 akzeptierte Bülow eine Postion als Lehrer am Stern – Konservatorium in Berlin. 1857 heiratete er Liszts Tochter Cosima, und das Paar besuchte auf seiner Hochzeitsreise Wagner in Zürich. Im darauffolgenden Jahr begann er mit der Erstellung des Klavierauszugs von Wagners Tristan und Isolde – einem Werk, das in vielerlei Hinsicht Bülows Nirwana (Op. 20) ähnelte. Bülows anhaltende Unterstützung der Neuen Deutschen Schule war wohl der Grund dafür, dass Ludwig II es für angebracht hielt, ihn zum Hofpianisten, Dirigenten und Direktor des Konservatoriums von München zu ernennen, der Stadt, in der er die Premieren von Tristan und Isolde (1865) und Die Meistersinger (1868) dirigieren sollte.

Das Werk, dass in diesem Band veröffentlicht ist, Bülows Des Sängers Fluch, wurde am Neujahrstag 1863 unter Bülows Leitung aufgeführt. Es handelt sich um eine Orchesterballade nach einem Gedicht von Ludwig Uhland (1815), das selbst auf einer schottischen Ballade basiert, die Herder in seinen Volkslieder veröffentlichte. Uhlands Ballade erzählt die Geschichte von zwei mittelalterlichen Minnesängern, einer jung, der andere alt, die so schön singen, dass die Höflinge ihre Kämpfe unterbrechen und die Königin eine Rose von ihrer Brust zu ihren Füssen wirft. In einem Anfall eifersüchtiger Wut tötet der König den jüngeren Sänger. Der alte Sänger empfängt darauf den Körper des ermordeten Gefährten, und auf dem Weg aus der Halle verflucht er den König. Insgesamt sind der mittelalterliche Ton des Gedichts wie auch dessen blutrünstiger Inhalt typisch für poetische Balladen der romantischen Ära.

Formal gliedert sich die Ballade in 16 Strophen. So lauten z.B.die ersten zwei Strophen:

Es stand in alten Zeiten ein Schloss, so hoch und hehr, Weit glänzt‘ es über die Lande bis an das blaue Meer, Und rings von duft‘gen Gärten ein blüthenreicher Kranz, Drin sprangen frische Brunnen in Regenbogenglanz.

Dort sass ein stolzer König, an Land und Siegen reich, Er sass auf seinem Throne so finster und so bleich;

Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wuth, Und was er spricht, ist Geissel, und was er schreibt, ist Blut.

Das Gedicht beschreibtzwei gegensätzliche Welten, die eine, „so finster und so bleich“, wird dem hellen„Regenbogenglanz“ der Welt der Minnesänger gegenübergestellt, während sich die Erzählung von einem hellen und positiven Anfang hin zur dunklen, verfluchten Welt des Königs entwickelt. Der Fluch selbst reflektiert die spezifische Macht der Minnesänger, die Art und Weise zu kontrollieren, wie Geschichte erzählt und erinnert wird, mit dem schlussendlichen Ergebnis, dass die Taten des Königs und seine Familie in Vergessenheit fallen („Des Königs Name meldet kein Lied, kein Heldenbuch!/ Versunken und vergessen! das ist des Sängers Fluch.“).

Bei der Vertonung der Ballade wendete Bülow den Lisztschen Prozess der thematischen Transformation an. Das Werk eröffnet in B – Dur mit einem grossartigen und majestätischen Thema (Die Burg und der Hof), das bald von einem punktierten, absteigenden Thema (die Minnesänger) kontrastiert wird, das in einer Reihe von verschiedenen Kontexten und Transformationen erscheint. Das tatsächliche Lied erklingt als Cello – Solo, das sich bei des Königs wütendem Ausbruch abrupt nach b – Moll wendet. Ab hier, in einer Reihe von tonartlichen Veränderungen, wird das Hauptthema aus der Eröffnung langsam zerstört, eine musikalische Manifestation des Fluchs der Minnesänger. Klänge in Moll tragen schliesslich den Sieg davon, wenn am Ende des Stücks das eröffnende Thema fast vergessen ist.

Bülows Kontext und seine Vertrautheit mit dem Werk anderer Komponisten des 19. Jahrhunderts kann in vielen Teilen seiner Komposition nachgehört werden. Schräge Instrumentenkombinationen erinnern an Berlioz, ein langjähriges Vorbild von Bülow. Die Arpeggios der Holzbläser beim Fluch der Sänger scheinen von Weber Holzbläsern aus Oberon inspiriert zu sein. Insgesamt ist der Prozess der thematischen Transformation und der Variationsentwicklung gut gestaltet und scheint deutlich einige von Strauss‘ reifen Tongedichten vorwegzunehmen – insbesondere kommt einem Don Quixote in den Sinn.

Des Sängers Fluch ist als musikalischer Ausdruck eines Genies des 19. Jahrhundert ziemlich unbekannt geblieben. Tatsächlich beruht sein wesentlicher Anspruch auf Ruhm auf einem Ereignis, dass sich Meilen entfernt vom Konzertsaal während der Proben zur dritten Aufführung am 28. November 1863 zutrug. An diesem Tag unterbrach Wagner seine Reise zu einem Dirigat in Löwenberg, um die Bülows in Berlin zu treffen und Hans zu hören, wie er am Abend seine Werk dirigiert. Während Hans nervös sein Stück im Konzertsaal probte, unternahmen Cosima und Wagner einen Ausflug durch die Stadt, während dem sie sich ruchlos die Liebe zueinander gestanden. Wagner sollte am Abend das Konzert besuchen und die Nacht bei den Bülows verbringen, bevor er am nächsten Tag weiterreiste, nicht ohne zuvor Hans zu seiner Musik und seinen Fähigkeiten als Dirigent zu beglückwünschen. Während des gesamten Jahres 1865 wurde Bülow von seiner Frau und Wagner betrogen, und es wurde ein Kind geboren, bevor er schliesslich die Affäre entdeckte. Während des Rests des Jahrzehnts und bis er die Scheidung erhielt, führte er hingebungsvoll Wagners Musik auf.

Joseph Morgan, 2013

Wegen Aufführungsmaterial wenden Sie sich bitte an Robert Lienau Musikverlag, Erzhausen.

 

1419

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Orchester

60

210 x 297 mm

Reprint