Albert, Eugen d‘

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Albert, Eugen d‘

Kain (mit deutschem Libretto)

Art.-Nr.: 2055 Kategorie:

65,00 

Eugen d’Albert

Kain

Musical drama in one act on a libretto by Heinrich Bulthaupt (1898-99)

(b. Glasgow, 10 April 1864 – d. Riga, 3 March 1932)

Vorwort
Am 27. Mai 1882 erschien ein junger britischer Pianist erstmals in der Weimarer Meisterklasse von Franz Liszt. Die Erwartungen waren hoch: Der erst Achtzehnjährige hatte bereits einen öffentlichen Auftritt mit dem bekannten Dirigenten Hans Richter und zwei oder drei Jahre vorher sein Komponistendebüt in der Londoner St. James’s Hall. Die Wirkung seines Auftritts auf Liszt war überwältigend – der Weimarer Pianistenpapst kürte den jungen Mann zum «zweiten Tausig» und stellte ihn damit neben den größten seiner zahlreichen Schüler. Er ergötzte sich an den virtuosen Kadenzen, die der junge, hitzköpfige (Fast)-Autodidakt der Zweiten Ungarischen Rhapsodie hinzufügte und nannte ihn scherzhaft, aber liebevoll «Albertus Magnus». Ein Solodebüt wurde rasch für den 29. September angesetzt, wobei der junge Meister seine Aufgabe mit soviel Glanz erfüllte, das er stracks in den Stand des Weimarer Hofpianisten erhoben wurde. Die Musikwelt hatte soeben das Erscheinen eines des größten Pianisten der Musikgeschichte erlebt.

Dieser junger Mann namens Eugen d’Albert war eine bemerkenswert weltmännische Erscheinung: Seine Eltern wohnten zwar in England, sprachen jedoch Deutsch; der Vater, ein Londoner Ballettmeister, war mütterlicherseits französischer Abstammung, entstammte jedoch einer alten italienischen Musikerfamilie (einer seiner Vorfahren war der Erfinder des unverwüstlichen «Alberti-Basses»). Später sollte Eugen selbst die Schweizer Staatsangehörigkeit erwerben und zum Direktor der Berliner Musikhochschule ernannt werden, während er gleichzeitig seine internationale Pianistenlaufbahn über einen Zeitraum von nicht weniger als fünfzig Jahren verfolgte. Zu Lebzeiten galten die Werkinterpretationen d’Alberts als maßgebend. Unermüdlich erstellte er nebenher auch Klavierbearbeitungen der Bach´schen Orgelwerke, gab eine Ausgabe der Klavierwerke Liszts und eine Gesamtausgabe des Wohltemperierten Klaviers heraus und schuf ein grosses kompositorisches Oeuvre, das alle Gattungen (außer Kammermusik) umfaßte und sich von schlichten Klavierstücken und Liedern bis zu Symphonien, Instrumentalkonzerten und Chorkantaten erstreckte. Zeitlebens galt jedoch sein Hauptinteresse – weit über seine Rolle als führender Konzertpianist hinaus – dem Musiktheater und den einundzwanzig Opern, die er zwischen 1893 und 1932 komponierte.

D’Albert war ein eklektischer Komponist, dem seine Arbeit leicht von der Hand ging und der sich nicht sonderlich schwer tat, je nach Bedarf die allerneuesten Stile der Tonkunst zu kopieren. Huldigten seine frühen Opern der Musiksprache Wagners und seines Freundes Humperdinck, so fühlte er sich wetterwendisch bald dem Verismo Mascagnis und Leoncavallos, den haarsträubenden Dissonanzanhäufungen des gleichaltrigen Richard Strauss, den zarten Orchesterfärbungen Debussys, der leichtfüßigen, italienisch anmutenden Komödien eines Ermanno Wolf-Ferrari und schließlich – in der Schwarzen Orchidee (1929) – den jazzdurchtränkten Idiomen der Neuen Sachlichkeit verpflichtet. Daraus erwuchs ein äußerst vielseitiges und immer zeitgemässes Bühnenwerk, das ihn für den Großteil seiner Karriere an die Spitze der deutschsprachigen Musikbühne katapultierte. Allen anderen voran die Oper Tiefland (1903), ein überlegenes, wenn auch blutrünstiges Gegenstück zu Cavaleria rusticana, das sich jahrzehntelang im Spielplan behaupten konnte und zu einer der meist aufgeführten deutschen Opern des zwanzigsten Jahrhunderts wurde. Machte Tiefland den Komponisten zum Inbegriff des deutschen Verismo, so frönten seine leichten Einakter Die Abreise (1898) und Flauto solo (1905) einem komödiantischen Konversationston, der sie zu den erfolgreichsten ihrer Art zählen ließ.

Vom überwältigenden Erfolg der leichtfüßigen und äußerst unterhaltsamen Abreise, die noch heute als eine der hervorragenden deutschen Opernkomödien der Ära gilt, scheint selbst der Komponist selbst überrascht gewesen zu sein, der sich daraufhin dem Vorwurf der mangelnden Ernsthaftigkeit ausgesetzt sah. Dieser Mangel wurde jedoch durch die Wahl des Sujets für sein nächstes und fünftes Bühnenwerk restlos behoben: Kain nach der bekannten biblischen Geschichte von Kain und Abel. Das Libretto lieferte der damals hoch angesehene Dramatiker und Theaterwissenschaftler Heinrich Bulthaupt (1849-1905), der sich jedoch weniger an der eher skizzenhaften Bibelgeschichte (1. Mose 4) anlehnte als am Lesedrama Cain: a Mystery (1821), einem der feurigsten und frevelhaftesten literarischen Ergüsse des George Gordon, Lord Byron (1788-1824). In der Byronschen Vorlage dreht sich die Handlung weniger um den Brudermord an Abel, der kaum auf der Bühne erscheint, als um einen umfangreichen moralisch-philosophischen Dialog zwischen Kain und Luzifer, in dem beide Personen ihre Entfremdung vom Gott dem Schöpfer beteuern und stichhaltige Argumente für die Einführung des Todes in die Welt darlegen (bis dahin war der Tod lediglich als Gesprächsthema, jedoch nicht als menschliches Ereignis bekannt). Höhepunkt dieser dialogisierenden Szene ist eine Faustische Reise der Fantasie durch die unermessliche Ausdehnung der Schöpfung von den himmlischen Höhen bis zur (noch seelenleeren) Unterwelt. Mit besonderem Nachdruck wurde jedoch ein weiteres Thema angeschnitten: eine moralische Rechtfertigung der Geschwisterliebe. Da es noch keine weiteren menschlichen Familien in der Welt nach dem Sündenfall gab, konnte Kain kaum umhin, in Ermangelung einer Alternative seine eigene Schwester Adah zu heiraten und zu schwängern – eine unmissverständliche Anspielung auf die inzestuöse Beziehung Byrons zu seiner Halbschwester Augusta Leigh. ..

 

 

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2055

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Oper

338

210 x 297 mm

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