Wetz, Richard

Symphony No.1 in C minor Op. 40

Art.-Nr.: 440 Kategorie:

32,00 

Richard Wetz

Erste Symphonie C-moll für großes Orchester, Op. 40

(geb. Gleiwitz, Oberschlesien, 26. Februar 1875 – gest. Erfurt, 16. Januar 1935)

Vorwort
Heute ist der Komponist Richard Wetz sowohl in seinem deutschen Heimatland wie im Ausland weitgehend unbekannt. Selbst wenn in diesen Tagen seine Werke einmal Gehör finden, spricht man eher von ihren technischen Leistungen; ansonsten tut man sie als die Produkte eines Bruckner-Epigonen ab. Wetz war zwar viel wagemutiger als Bruckner (1824-1896), wenn man die Breite seines Schaffens (neben symphonischen Werken auch Opern, Kammermusik, Klavierlieder usw.) betrachtet, aber es ist nicht zu leugnen, dass Wetz in seinen symphonischen Werken dem Stil Bruckners außerordentlich viel zu verdanken hat.

Eigentlich ist die Moderne so gut wie spurlos an ihm vorübergegangen, und er wich nie von den wohletablierten Normen der Komposition und von den philosophischen Idealen der deutschen Romantik ab. Obwohl er schon in seinen jungen Jahren Musikunterricht bekam, war Wetz von Natur aus Autodidakt. Das berühmte Leipziger Konservatorium reizte ihn nicht, und so brach er sein Studium nach nur sechs Wochen enttäuscht ab. Komposition hat er größtenteils während seines Privatstudiums in München bei Ludwig Thuille (1861-1907) gelernt.

Danach war Wetz für einige Jahre eine Art musikalischer Wandersmann. Nach Gelegenheitsarbeiten in Stralsund und Wuppertal bekam er 1906 eine feste Anstellung als Direktor des Erfurter Musikvereins. Später unterrichtete er Komposition und Musikwissenschaft am Erfurter Landeskonservatorium und an der Weimarer Musikhochschule. Obwohl er Zeit seines Lebens nie große Berühmtheit erlangte, erfreuten sich seine Werke einer derart hohen Achtung, dass er 1928 zum Mitglied der Berliner Akademie der Künste gewählt wurde. Wetz starb 1935 an Bronchitis, nur einen Monat vor seinem sechzigsten Geburtztag. Wegen seines formalen Konservatismus und stilistischer Ähnlichkeit zu Bruckner stand seine Musik während des Dritten Reichs in hoher Gunst – so sehr, dass Peter Raabe (1872-1945), Präsident des Reichsmusikkammers im Propagandaministerium, 1943 eine Richard-Wetz-Gesellschaft in Gleiwitz, der Heimatstadt des Komponisten, gründen ließ. Nach dem Krieg war das Interesse an seiner Musik gering, bis die tonale Musik im Laufe der 90er Jahre wieder in Mode kam. Eine Wetz-Renaissance ist seit einem Jahrzehnt im Gange, vor allem dank der Neuaufnahmen seiner Werke durch die deutsche Firma CPO.

1915-1916 schrieb Wetz seine Erste Symphonie C-moll; im folgenden Jahr dirigierte Peter Raabe die Uraufführung in Weimar. Stilistisch betrachtet ist das Werk ein Potpourri, und man hört darin leicht den Einfluss von Anton Bruckner, Johannes Brahms, und – wenn auch in Maßen – Max Reger. Im Großen und Ganzen kann man die Komposition als den Versuch des Komponisten ansehen, zur einer eigenen musikalischen Identität zu finden – ein Kampf, den er Zeit seines Lebens nur teilweise gewann.

Der erste Satz, Ruhig bewegt (anfangs etwas gehalten) könnte fast als Musterbeispiel für die spätromantische deutsche Tonsprache gelten. Mehrere kontrastierende Themen werden motivisch verarbeitet, und generell werden die Abschnitte durch Sequenzen miteinander verbunden. Hier wirkt die Kompositionstechnik vielleicht etwas zu durchsichtig: Wetz scheint zu beabsichtigen, daß der Zuhörer immer jeder Einzelheit seines Tuns gewahr ist. Folglich erweckt dieser Satz den Eindruck, aus ungleichartigen Teilen zusammengestückelt zu sein.

Der zweite Satz, Scherzo. Leicht bewegt, aber nicht zu schnell, hat dieselben Vor- und Nachteile: unaufhörliche Sequenzierung, motivische Fragmentierung und einen etwas zu häufigen Rekurs auf die Generalpause. Vieles in diesem Scherzo erinnert an Mendelssohn und Dvorák, aber das fortwährende Hin und Her zwischen schnellen und langsamen Abschnitten macht die volle Entfaltung der musikalischen Ideen unmöglich.

Noch weniger erfolgreich ist der dritte Satz, Sehr langsam und ausdrucksvoll, der eigentlich weder besonders langsam noch besonders ausdrucksvoll ist. Hier wird die Sequenzierung allgegenwärtig. Das vermittelt den Eindruck, als sei dies innerhalb der Entwicklung des musikalischen Materials die einzige Absicht des Komponisten.

Abgeschlossen wird die Symphonie durch den Satz Finale. Kräftig und entschieden bewegt. Dieses im Wesentlichen episodische Finale lässt erahnen, dass Wetz die vorangegangenen Sätze vereinen und zusammenfassen will. Ob Wetz an die zyklische Form dachte, lässt sich nicht mit Bestimmtheit feststellen, doch gibt es genügende oberflächliche Ähnlichkeiten zwischen den thematischen Ideen der Sätze, daß sie durchaus als Indizien für eine zyklische Absicht des Komponisten gelten können.

Wetz´ Erste Symphonie hat etwas Seltsames, gemessen an den in der einsätzigen Kleist-Ouvertüre (1908) erweckten künstlerischen Hoffnungen stellt sie einen Rückschritt dar. Die Symphonie ist viermal so lang wie die Ouvertüre, und vielleicht hatte Wetz Schwierigkeiten mit dem größeren Format. Möglicherweise hat der Komponist selbst sich in Verlegenheit gebracht durch die von ihm eingesetzten musikalischen Formen und Mittel, so als fühle er sich genötigt – ähnlichen einem Eiskunstläufer – jedwede Pflichtfigur in seine Choreographie einzubauen.

Aber es sind ausgerechnet die stilistischen Eigenarten des Komponisten, die seine Musik so faszinierend machen, betrachtet man sie aus einer historischen Perspektive. Wetz blieb im Wirbel zwischen Romantik und Moderne gefangen, es fehlten ihm Max Regers Wille zur Chromatik und Ferruccio Busonis transzendenter Formalismus. Es ist die Tragödie von Wetz´ Karriere als Komponist, daß er sich eigentlich nur die Vergangenheit aneignen wollte – gemäß Ezra Pounds berühmter Formulierung, sie «neu zu machen» – aber auch ein Teil jener Vergangenheit blieb. Es lässt sich noch nicht absehen, ob seine Musik zum Standardrepertoire der Zukunft gehören wird. Wetz ist jedenfalls ein Komponist, dessen Werke ein achtungsvolles Neuhören verdienen.

Übersetzung: Stephen Luttmann, 2005

Aufführungsmaterial ist von Benjamin Musikverlage, Hamburg zu beziehen. Nachdruck eines Exemplars aus der Sammlung Matthias Wiegand, Karlsruhe.

Partitur Nr.

440

Edition

Repertoire Explorer

Genre

Orchester

Seiten

180

Format

160 x 240 mm

Druck

Reprint

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