Moniuszko, Stanislaw

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Moniuszko, Stanislaw

Paria Overture

Art.-Nr.: 1241 Kategorie:

19,00 

Stanisław Moniuszko

(geb. Ubiel bei Minsk, Weißrussland, 5. Mai 1819 – gest. Warschau, Polen, 4. Juni 1872)

Ouvertüre zur Oper Paria

Besetzung:

1 Fl./Picc. – 2 Ob. – 2 Kl. – 2 Fg. – 4 Hr. – 2 Trp. – 3 Pos. – Tb. – Streicher –

Pauke – Schlagwerk

Aufführungsdauer: ca. 10 Minuten

„Nach dem hübschen Flis, Hrabina und Jawnuta ist es jetzt Zeit für eine zweite Halka, wir verlangen und erwarten sie.“ (Gazeta Codzienna, Nr. 145, vom 6.6.1860) – Die Erwartungen an Stanisław Moniuszkos Oper Paria waren hoch.

Bereits im Alter von siebzehn Jahren interessierte sich Stanisław Moniuszko für die Tragödie Le Paria (1821) von Casimir Jean-François Delavigne (1793-1843). Moniuszko kam die Idee, zu diesem Stoff eine Oper zu schreiben, übersetzte sie ins Polnische und schickte sie nach Vilnius, wo er sich 1840 niederließ, um als Komponist, Organist und Klavierlehrer zu arbeiten. Knapp zwanzig Jahre später verfasste Jan Chęciński (1826-1874), der mit Moniuszko bereits für die Opern Straszny Dwór, Beata und Verbum Nobile zusammengearbeitet hatte, ein Libretto zu Delavignes Tragödie. Durch die gemeinsame Arbeit an der Oper Paria intensivierte sich der Verbund zwischen Komponist und Librettist.

Die Tragödie Delavignes erzählt die Geschichte des jungen Inders Idamor, der aus der untersten Gesellschaftsschicht, der Kaste der Paria stammt. Durch seine Heldenhaftigkeit gelingt es ihm jedoch, einen der höchsten Ränge einzunehmen, er wird Führer der Kriegerkaste. Seine Braut Neala, Tochter des Erzkaplans, gehört dem höchsten gesellschaftlichen Stand an, der die Kaste der Paria gering schätzt. Doch Nealas Liebe zu Idamor ist größer. Da Neala die Einzige ist, die von Idamors Vergangenheit weiß, steht einer Hochzeit nichts im Wege. Als am Tage der Vermählung jedoch Idamors Vater erscheint und die Herkunft seines Sohnes verrät, wird dieser wegen verbotenen Betretens des Tempels bestraft. Idamor, der aus Wut darüber den Erzkaplan beschimpft, wird zum Tode verurteilt. Neala wird von ihrem Vater verflucht und gemeinsam mit dem Vater Idamors in die Verbannung geschickt.

Neben dem für Moniuszko typischen Stoff, der Erzählung einer tragischen Liebesgeschichte, steht die Kritik des Kastensystems im Vordergrund. Es verwundert kaum, dass Moniuszko, der in eine Adelsfamilie geboren wurde, ausgerechnet für diese Tragödie so großes Interesse hegte. In den meisten seiner Opern werden die politischen Konstellationen und das gesellschaftliche System hinterfragt. Moniuszko selbst verfolgte nicht die politischen Interessen der polnischen Nationalbewegung, reflektierte sie allerdings musikalisch. Dennoch oder gerade aus dem Grund der kritischen Beobachtung der politischen Aktivitäten in seinen Werken, galt Moniuszko sowohl für das bürgerliche Publikum als auch in der musikalischen polnischen Presse als Nationalkomponist.

Moniuszko war bekannt für die kurze Entstehungszeit seiner Opern. Jedoch gelang es ihm nicht, Paria in kurzer Zeit zu komponieren und zu vollenden, worauf noch einzugehen sein wird. Die Uraufführung fand aufgrund vieler langer Unterbrechungen von Seiten des Komponisten erst am 11. Dezember 1869 statt, nur drei Jahre vor seinem Tod. Untypisch im Vergleich zum sonstigen Erfolg der Werke Moniuszkos, wurde die Oper nach nur sechs Aufführungen abgesetzt.

Das Publikum und die Kritiker, die Moniuszko nach dem großen Erfolg von Halka als Nationalkomponisten feierten, erwarteten eine für den Komponisten typische Komposition mit einem gewohnt nationalen Sujet und hofften auf Figuren mit identitätsstiftender Wirkung. Moniuszko setzte jedoch auf die hohe Auffassungsgabe seines Publikums. Er hoffte, das Publikum könne seine Idee nachvollziehen und somit die Geschichte aus dem Orient auf die polnische Nation übertragen. Der ernste Stoff war für Moniuszko aus vielerlei Gründen von Bedeutung. Neben seiner persönlichen, langjährigen Begeisterung für das Thema, hoffte er mit dieser Oper auch auf Anerkennung bei ausländischen Bühnen. So überrascht es wenig, dass Moniuszko von der Orientbegeisterung ergriffen wurde und die Welt außerhalb Europas darstellen wollte sowie Parallelen zwischen der indischen und polnischen Gesellschaft zog. Ein solch exotisches Thema wie das des Librettos, war zur Zeit der Romantik in Mode und füllte infolge seiner Beliebtheit die Opernhäuser. Zudem sollte auch der Name Delavigne für Aufmerksamkeit sorgen und den Erfolg der Oper Moniuszkos positiv beeinflussen. Der Autor von Le Paria wurde bereits durch sein Trauerspiel Vêpres Siciliennes bekannt, auf dem das Libretto zu Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper basiert. Moniuszko schließt mit einer weiteren Tragödie Delavignes an und hofft möglicherweise, damit ein ähnlich erfolgreiches Ergebnis zu erzielen.

Die Interpretation von Paria als nationale Oper gelang den Zuschauern jedoch nicht. Die sozialkritische Idee wurde entweder kaum erkannt, wodurch der von Moniuszko gewünschte Umdeutungsprozess nicht stattfand, oder sie wurde nicht positiv aufgefasst. Bereits in der Kritik zu seinem größten musikdramatischen Erfolg Halka mied die konservative Presse die Auseinandersetzung mit der Sozialkritik. Auch in den Rezensionen der Oper Paria wurde auf diesen Aspekt verzichtet.

Dass die Geschichte in Indien spielt, trug ebenfalls zur gescheiterten Interpretation des Werkes bei. Das Publikum schien von dem fremdartigen Spielort irritiert. Nachdem es sich von den für Moniuszko typischen Figuren und Orten verabschieden musste, rechneten die Zuschauer nun mit einer exotisch-romantischen Traumreise, einer Märchenwelt. Diese Erwartung wurde jedoch durch den Personalstil Moniuszkos nicht erfüllt: anstelle von musikalisch-exotischem Lokalkolorit ertönen Harmonien und Klänge der europäischen Kunstmusik, gepaart mit Motiven und Rhythmen polnischer Musik, insbesondere Elemente der Mazurka. Der vertraute Musikstil, die für Moniuszko übliche Liebesgeschichte und die Sozialkritik in Paria machen deutlich, dass Moniuszko auch in dieser Oper im Grunde seiner Position als national kommentierender Komponist oder sogar als Nationalkomponist treu blieb. 1869 konnte oder wollte man diese Tatsache jedoch nicht erkennen. Die Reaktionen zu Paria zeugen von Verwirrung, Ratlosigkeit und Unverständnis. Das Publikum hatte Einordnungsschwierigkeiten und kritisierte hauptsächlich die Figuren der Geschichte, die damals scheinbar keine emotionale Wirkung auf den Zuschauer erzielen, keine Empathie und Anteilnahme wecken konnten. Paria konnte seinerzeit also weder als „nationale“ Oper noch als exotisches Märchen interpretiert werden.

Die Presse legte ihr Hauptaugenmerk auf Moniuszkos Kompositionsweise, um weniger auf inhaltliche Aspekte der Oper eingehen zu müssen. Dadurch wurden die Gründe für die ausbleibende Begeisterung nur selten und indirekt deutlich. Wenn möglich, versuchte man, seine Kritik mit Lob zu ummanteln. Doch auch dort gingen die Meinungen auseinander. Einerseits wurden Moniuszkos Personalstil und seine Intelligenz herausgestellt. Im Kurier Warszawski (Nr. 274) vom 13. Dezember 1869 war zu lesen, es sei „schwer, sich für dieses Werk zu begeistern, bewundern hingegen kann man es.“ Dass Moniuszko stärker künstlerisch experimentierte als in anderen Werken, wurde (an)erkannt. An anderer Stelle wurden kompositorische Auffälligkeiten, wie ungewohnte Modulationen, als „fehlerhaft“ oder „falsch“ deklariert….

Alessa Brings / Christina Klein / Elisabeth Wahle, März 2012

 

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Partitur Nr.

1241

Edition

Repertoire Explorer

Genre

Ouverture

Seiten

58

Format

210 x 297 mm

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Reprint