Borodin, Alexander

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Borodin, Alexander

Symphony No. 2 in B minor

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Alexander Borodin

Symphony No. 2 in B minor (1869-76, rev. 1878)

(b. St. Petersburg, 12 November 1833 – d. St. Petersburg, 27 February 1887)

Vorwort
Die großen Komponisten weisen oftmals ungewöhnliche Lebensläufe auf. Das gilt nicht nur im Blick auf ihre außer-ordentlichen künstlerischen Fähigkeiten. Auch jenseits des kompositorischen Schaffens neigen viele Biographien zum Ungewöhnlichen, Besonderen, bisweilen Extremen. Auf seine Art tut dies auch die Vita von Alexander Borodin. Und zugleich in einer Weise, die unter Komponisten ihresgleichen sucht. Borodin, der wie Johannes Brahms 1833 geboren ist und 1887 viel zu früh mit Anfang 50 sterben sollte, war eine Doppelbegabung. Einerseits war er Chemiker mit Schwerpunkt organischer Chemie von internationalem Rang. Seine naturwissenschaftliche Forschung wird noch anderthalb Jahrhunderte später rezipiert. Schon ab Ende 20 wirkte er in St. Petersburg als Hochschulprofessor und macht sich dabei nicht zuletzt einen bleibenden Namen in seinem Bemühen um Frauenförderung in der Wissenschaft. Obwohl andererseits ein Komponist, dessen Leistungsniveau und Rezeption derjenigen als Naturwissenschaftler in nichts nachstand, ließ Borodin seine naturwissenschaftliche Arbeit nie hintenanstehen. Dafür hatten seine vielen herausragenden Musikfreunde wie die Liebhaber seiner Kunst meist ebenso wenig Verständnis wie umgekehrt seine Freunde und Kollegen in der Naturwissenschaft. Borodin reagierte u.a. darauf in der Weise, dass er in seinem Leben beide Sphären nicht nur sozial, sondern bis in die Kommunikation weithin trennte.1 Dabei gehörten in Naturwissenschaft wie Musik viele der beeindruckendsten Figuren ihrer Zeit in Russland zu Borodins engen Austauschpartnern. In der Musik zählt dazu insbesondere der Kreis um Mili Balakirew, das berühmte „Mächtige Häuflein“, dem sich Borodin 1862 anschloss und zu dem noch César Cui, Modest Mussorgski und Nikolai Rimsky-Korsakow zählten. Borodins Vita ist ein illustres Beispiel, wie schwer es vielseitige Menschen haben. Als ob ihrer Vielseitigkeit die Unterstellung anhaftet, man betreibe nichts wirklich ernsthaft und mit letzter Hingabe. Borodins Schaffen in Naturwissenschaft und Musik straft dieser Unterstellung beispielhaft Lügen. Und doch ist ihr u.a. geschuldet, dass sein Œuvre auffallend schmal geblieben ist und manches selbst davon auch erst nach seinem Tod durch Freunde und Kollegen vollendet wurde. Sein Werkverzeichnis kennt nur eine Oper, Fürst Igor, die erst Nikolai Rimsky-Korsakow und Alexander Glasunow aus dem Nachlass zur Uraufführungsreife brachten. Auch die Dritte Sinfonie A-Moll blieb mit zwei, wiederum von Glasunow instrumentierten und mit gestrichenem Material aus Fürst Igor aufgefüllten Sätzen unvollendet. Neben etwas Klaviermusik und einigen Liedern bleiben vor allem ein Klavierquintett in c-Moll, zwei innerhalb der russischen Kammermusik des 19. Jahrhunderts herausragende Streichquartette in A-Dur bzw. D-Dur, die sinfonische Dichtung Eine Steppenskizze aus Mittelasien und eben die beiden vollendeten Sinfonien in Es-Dur bzw. h-Moll. Dass Borodin dennoch ein fester Begriff im Repertoire geblieben ist, deutet bereits auf die Qualität dieser wenigen Arbeiten hin, deren Durchsetzung auch nicht die naheliegende Mutmaßung entgegenzustehen vermochte, es handelt sich dabei um Hobbywerke eines Mannes, dessen eigentlicher Wirkungskreis in einer ganz anderen Profession zu finden war. Und wie falsch wäre diese Annahme! Nicht ohne Grund fand Borodins sinfonisches Schaffen auch weit über seinen St. Petersburger Wirkungskreis hinaus Befürworter und Förderer, so in Zentraleuropa Franz Liszt.

Borodin begann die Arbeit an seiner zweiten Sinfonie um 1869 im recht zeitnahen Anschluss an die erfolgreichen Aufführungen seiner ersten Sinfonie, die den in Sachen Musik stets von Selbstzweifeln gepeinigten Komponisten nachhaltig motiviert hatten. Er ließ die Arbeit in den frühen 1870er Jahren jedoch weitgehend ruhen, zugunsten seiner Arbeiten an der Oper Fürst Igor, mit welcher die Musik in Gestus und melodischem Material viele Berührungspunkte hatte. Nicht ohne Grund endete Material, dass zunächst für das eine Werk gedacht war, am Ende im anderen, so z.B. wohl das Eröffnungsthema des ersten, Allegro überschriebenen Satz, ein schwerer Riff in tiefen Streichern und später Blechbläsern, nicht unähnlich dem, wie man ihn 120 Jahre später im Progressive Metal schreiben würde. Den ganzen Satz über kontrastieren diese Passagen mit eleganten tänzerischen Abschnitten, die auch ohne weiteres in die Tanzmusik zu Fürst Igor hätte Eingang finden können. 1878 überarbeitete Borodin die Orchestration und gab gerade den schweren, basslastigen Partien mehr Leichtigkeit. Diese braucht ein Orchester erst recht im Scherzo, welches Prestissimo als zweiter Satz folgt. In Ganzen zu schlagen, mit 108 als Metronomangabe, ist dies eine Tour de Force für ein Orchester. Wohl zu langsam dargeboten bei der Uraufführung, verfehlte es zunächst, Eindruck zu hinterlassen und provozierte eine Überarbeitung der der Orchestration. Doch virtuos dargeboten, gibt es nur wenige schnelle Sätze im sinfonischen Repertoire jener Ära von vergleichbarem Verve. Das Andante ist ein eleganter und – typisch für Borodin – ausgesprochen melodiös gestalteter Satz, der zu einem leidenschaftlichen Höhepunkt in der Mitte hinaufgebaut ist. Diese Musik ist voller Sehnsucht, aber kein Lamento, keine Trauer, keine Melancholie, elegante Musik, die vor allem in Abgrenzung zu den beiden Sätzen wirkt, die ihr vorausgehen bzw. nachfolgen. Denn das finale Allegro ist purer Tanz, eine virtuelle Ballettmusik, die mal die Westernsoundtracks in Hollywood ein halbes Jahrhundert später vorausnimmt, mal Idiome und Wendungen aufgreift, die unüberhörbar Wurzeln in russischer Volksmusik haben. Es ist ein ästhetisch selten gebrauchte Kategorie: aber wenig in der sinfonischen Literatur macht so viel Spaß, wie diesen Satz von einem Orchester zu hören, dass es zum Tanzen, ja Grooven bringen kann. Wenn Richard Wagner Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92 die »Apotheose des Tanzes«, dann macht ihr dieser Satz diesen Titel mit Leichtigkeit streitig. Er könnte nicht weiter von all den musikalischen Russlandklischees der Weite, des Grübelns, des Pathos usw. entfernt stehen.
Borodins zweite Sinfonie ist nicht allzu lang, knapp unter einen halben Stunde. Neben Tschaikowskys Sechster Sinfonie h-Moll op. 74 Pathétique ist sie aber gewiss die eingängigste Sinfonie des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts aus Russland, als ungemein tänzerisches und schwungvolles Werk ohne jeden Anflug von Melancholie oder gar Tragik das genauer Gegenteil von Tschaikowskys monumentalem Abschiedswerk, mit dem es die Tonart teilt, aber ansonsten nicht allzu viel.
Frédéric Döhl, 2015
1 Vgl. Ernst Kuhn, »Vorwort«, in: Alexander Borodin. Sein Leben, seine Musik, seine Schriften (Berlin 1992), S. 9-18, insbesondere S. 13
Aufführungsmaterial ist von Breitkopf und Härtel, Wiesbaden, zu beziehen. Nachdruck eines Exemplars der Musikbibliothek der Münchner Stadtbibliothek, München.


 

Alexander Borodin
(b. St. Petersburg, 12 November 1833 – d. St. Petersburg, 27 February 1887)

Symphony No. 2 in B minor
(1869-76, rev. 1878)

Preface
Great composers often have unusual careers, and this not only as a result of their supreme artistic gifts. Quite apart from their musical output, their lives tend toward the unexpected, the idiosyncratic, at times even the extreme. Borodin, who was born like Brahms in 1833 and died far too soon in his early fifties in 1887, fits into this category in his own way, and yet in a manner unparalleled among composers. For Borodin was doubly gifted: on the one hand he was an internationally acclaimed authority on organic chemistry, a man whose scientific discoveries are still valued today, one and a half centuries later. Before he had reached his thirtieth birthday he was already a university professor in St. Petersburg, acquiring a lasting reputation not least for his efforts on behalf of women in science. On the other hand he was a composer whose achievements and influence were no less significant than those he attained as a scientist. Nevertheless, he never neglected his scientific work. Most of his many outstanding musician-friends and admirers of his art showed little understanding for this, just as his friends and colleagues in the sciences puzzled at his cultivation of music. Borodin’s response was to keep the two worlds largely apart, not only socially, but even in his correspondence.1 Yet many of the most impressive figures in the Russia of his day were among his most avid correspondents. In music, they included, in particular, the circle associated with Mili Balakirev, the famous “Mighty Handful,” which Borodin joined in 1862, and whose other members were César Cui, Modest Mussorgsky, and Nikolai Rimsky-Korsakov. Borodin’s life is a prime example of the difficulties faced by men of multiple talents: their versatility invites the accusation that they do nothing with proper seriousness and full commitment. Borodin’s work in science and music is exemplary proof to the contrary.

That said, Borodin’s dual gift is partly responsible for the fact that his oeuvre is so strikingly slender, and that much of it was only completed by his friends and colleagues after his death. His catalogue of works contains a single opera, Prince Igor, which had to be unearthed by Rimsky-Korsakov and Alexander Glazunov from his posthumous papers and placed in a performable condition. His Third Symphony, in A minor, was similarly left unfinished in two movements, which had to be orchestrated by Glazunov and padded with discarded material from Prince Igor to reach completion. Apart from some piano music and a few songs, the remainder includes above all a Piano Quintet in C minor, two string quartets (in A major and D major) numbering among the pinnacles of nineteenth-century Russian chamber music, the symphonic poem In the Steppes of Central Asia, and two finished symphonies, in E-flat major and B minor. That he has nevertheless remained a fixture in the repertoire already suggests the high quality of these few works, the durability of which has been unable to counter the natural assumption that they are the leisure-time creations of a man whose true activities lay in a quite different profession. This assumption could hardly be more wrong: there is every reason why his symphonies found champions and patrons far beyond the confines of St. Petersburg, one of them being Franz Liszt in Central Europe.

Borodin started work on his Second Symphony some time around 1869, shortly after the successful performances of his First Symphony, which lastingly motivated a composer constantly plagued by self-doubt in musical matters. In the early 1870s he largely let the piece lie fallow in order to work on his opera Prince Igor, with which it has many points in common in its musical gestures and material. There is good reason why material initially intended for the one work ultimately wound up in the other. For example, the opening theme of the first movement (headed Allegro), a heavy riff in the low strings and later the brass, resembles music that would be written 120 years later in Progressive Metal. Throughout the movement these passages contrast with elegant lilting sections that might easily have found their way into the dance music of Prince Igor. In 1878 Borodin revised the orchestration, adding greater lightness particularly to the bass-heavy passages. An orchestra needs this lightness particularly in the prestissimo scherzo that follows the opening movement. Conducted in whole-notes at a metronome mark of 108 per minute, it is a tour de force for orchestra. It failed at first to make an impression at the première, when it was probably taken too slowly, again provoking the composer to revise the orchestration. But presented with proper virtuosity, there are few fast movements in the symphonic repertoire of the time with comparable verve. Das Andante is an elegant movement of quintessentially Borodinian melodiousness designed to reach a passionate climax midway through the piece. This elegant music, though full of yearning, is not a lament and knows neither sorrow nor melancholy; it seems either like a preface or a postlude, particularly in relation to its two neighboring movements, for the final Allegro is pure dance, virtually a ballet score anticipating Hollywood western soundtracks of half a century later. Yet it borrows idioms and turns of phrase unmistakably rooted in Russian folk music. Though the term is seldom heard in aesthetic discourse, few pieces in the symphonic literature are as much fun to hear from an orchestra as this movement, which can make audiences dance, or even groove. If Richard Wagner could call Beethoven’s Seventh Symphony the “apotheosis of the dance,” this movement is a serious contender for the same title. It could not be further removed from the many musical clichés of Russia’s endless expanses, brooding earnestness, and emotional pathos.

Borodin’s Second Symphony is not all that long, lasting a little less than half an hour in performance. Alongside Tchaikovsky’s Sixth in B minor, op. 74 (the “Pathétique”), it is surely the most memorable Russian symphony from the final quarter of the nineteenth century, an uncommonly buoyant and propulsive work without a semblance of melancholy, much less tragedy. It is thus the diametrical opposite of Tchaikovsky’s monumental swan song, with which it has little in common but the tonic key.

Translation: Bradford Robinson

1 Ernst Kuhn, “Vorwort,” Alexander Borodin: Sein Leben, seine Musik, seine Schriften (Berlin, 1992), pp. 9-18, esp. p. 13.

For performance material please contact Breitkopf und Härtel, Wiesbaden. Reprint of a copy from the Musikbibliothek der Münchner Stadtbibliothek, Munich.

Partitur Nr.

1661

Edition

Repertoire Explorer

Genre

Orchester

Seiten

158

Format

210 x 297 mm

Druck

Reprint

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