Wetz, Richard

Kleist-Ouvertüre Op. 16

Art.-Nr.: 439 Kategorie:

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Richard Wetz

Kleist-Ouvertüre Op. 16

(geb. Gleiwitz, Oberschlesien, 26. Februar 1875 – gest. Erfurt, 16. Januar 1935)

Vorwort
Heute ist der Komponist Richard Wetz sowohl in seinem deutschen Heimatland wie im Ausland weitgehend unbekannt. Selbst wenn in diesen Tagen seine Werke einmal Gehör finden, spricht man eher von ihren technischen Leistungen; ansonsten tut man sie als die Produkte eines Bruckner-Epigonen ab. Wetz war zwar viel wagemutiger als Bruckner (1824-1896), wenn man die Breite seines Schaffens (neben symphonischen Werken auch Opern, Kammermusik, Klavierlieder usw.) betrachtet, aber es ist nicht zu leugnen, dass Wetz in seinen symphonischen Werken dem Stil Bruckners außerordentlich viel zu verdanken hat.

Eigentlich ist die Moderne so gut wie spurlos an ihm vorübergegangen, und er wich nie von den wohletablierten Normen der Komposition und von den philosophischen Idealen der deutschen Romantik ab. Obwohl er schon in seinen jungen Jahren Musikunterricht bekam, war Wetz von Natur aus Autodidakt. Das berühmte Leipziger Konservatorium reizte ihn nicht, und so brach er sein Studium nach nur sechs Wochen enttäuscht ab. Komposition hat er größtenteils während seines Privatstudiums in München bei Ludwig Thuille (1861-1907) gelernt.
Danach war Wetz für einige Jahre eine Art musikalischer Wandersmann. Nach Gelegenheitsarbeiten in Stralsund und Wuppertal bekam er 1906 eine feste Anstellung als Direktor des Erfurter Musikvereins. Später unterrichtete er Komposition und Musikwissenschaft am Erfurter Landeskonservatorium und an der Weimarer Musikhochschule. Obwohl er Zeit seines Lebens nie große Berühmtheit erlangte, erfreuten sich seine Werke einer derart hohen Achtung, dass er 1928 zum Mitglied der Berliner Akademie der Künste gewählt wurde. Wetz starb 1935 an Bronchitis, nur einen Monat vor seinem sechzigsten Geburtztag. Wegen seines formalen Konservatismus und stilistischer Ähnlichkeit zu Bruckner stand seine Musik während des Dritten Reichs in hoher Gunst – so sehr, dass Peter Raabe (1872-1945), Präsident des Reichsmusikkammers im Propagandaministerium, 1943 eine Richard-Wetz-Gesellschaft in Gleiwitz, der Heimatstadt des Komponisten, gründen ließ. Nach dem Krieg war das Interesse an seiner Musik gering, bis die tonale Musik im Laufe der 90er Jahre wieder in Mode kam. Eine Wetz-Renaissance ist seit einem Jahrzehnt im Gange, vor allem dank der Neuaufnahmen seiner Werke durch die deutsche Firma CPO.

Die zwischen 1900-1906 entstandene Kleist-Ouvertüre, Op. 16 ist eine Tondichtung in einem Satz. Eine erste Fassung wurde 1906 in Erfurt, Bielefeld und Meiningen, 1907 in Gotha aufgeführt. Der Dirigent Arthur Nikisch nahm sich des Werks an und instrumentierte es aufs Neue; diese Neufassung dirigierte er 1908 in Berlin und Leipzig. Das Werk wurde begeistert aufgenommen, und Wetz errang so seinen ersten großen Publikumserfolg.

Widmungsträger des Werks war Dr. Raoul Richter (1871-1912), Professor der Philosophie an der Universität Leipzig. Obwohl das Werk zu Ehren des deutschen Theaterdichters Heinrich von Kleist (1777-1811) geschrieben wurde, enthält es ein Epigramm aus der Feder Friedrich Hölderlins (1770-1843). Wetz schätzte diesen Dichter sehr, und sein Hyperion für Bariton, gemischten Chor und Orchester (1912) basiert sich auf den gleichnamigen Roman Hölderlins. Das Epigramm lautet:

Nicht in der Blüt’ und Purpurtraub’
Ist heilige Kraft allein, es nährt
Das Leben vom Leide sich,
Und trinkt, wie mein Held, doch auch
Am Todeskelche sich glücklich.

Das Werk beginnt mit vier schwer betonten, aufsteigenden Akkorden, was sehr an den Anfang der Fünften Symphonie Beethovens erinnert. Aber die optimistische Begeisterung in diesem Werk steht in scharfem Kontrast zum brütenden, bipolaren Wesen der Kleist-Ouvertüre. In der Tat wechselt Wetz zwischen Momenten der Extase und der Melancholie. Man hört den Einfluß von Anton Bruckner, dessen Symphonien im allgemeinen ebenfalls ein solches emotionales Auf und Ab entfalten. Jedoch findet man in Wetz´ kompositorischem Vorgehen mehr als eine blinde Nachahmung von Bruckner. Man kann überzeugende Argumente dafür finden, daß er in seiner Musik gerade den seelischen Aufruhr heraufbeschwören will, welchen Kleist selbst erlebte – dessen Werke erforschen jene allgemeine Schwermut, die durch den Wechsel vom naiven Optimismus der Aufklärung zur brutalen Realpolitik der Napoleonzeit hervorgerufen wurde. Wie Beethoven hat auch Kleist Napoleon anfangs bewundert, um später dessen Ausschreitungen und Tyrannei abzulehnen.

Schon im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hielt man den Kompositionsstil von Richard Wetz für altmodisch und wenig originell, aber es ist nicht zu leugnen, dass er ein Meister der musikalischen Form und des Kontrapunkts war. Sein Stil lässt sich – getreu der besten Tradition der späten deutschen Romantik – mit dem Ausdruck «motivischer Organizismus» zusammenfassen. Kurze Motive werden kontrastiert, kombiniert und entwickelt zu größeren musikalischen Formen. Diese Motive folgen ihrer eigenen Logik, als ob sie eine Art «musikalische DNA» enthielten, die ihr Wachstum und ihre Entwicklung bestimmen. Neben Bruckner ist eine andere Quelle dieses organischen Formalismus zu erwähnen: Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), dessen wissenschaftliche Forschungen zur Pflanzenmorphologie einen gewaltigen Einfluss auf die Theorien des künstlerischen Organizismus in der Romantik ausübten. Es ist nahezu unvorstellbar, dass ein derart literaturkundiger Komponist wie Wetz nicht auf diese Weise von Goethe beeinflusst wurde.

Interessanterweise hat Wetz jegliche programmatische Andeutung in diesem Werk abgestritten. Ebenso hat er in Bezug auf die Tondichtungen von Franz Liszt (1811-1886) argumentiert. Wetz scheint sich Satztechnik und Vorgehensweise der Programmsymphonie und der Tondichtung anzueignen, während er sich gleichzeitig auf denselben Rahmen der absoluten Musik berufen wollte, an den Bruckner festhielt.

Die Kleist-Ouvertüre wurde eines der beliebsten und langlebigsten Werke des Komponisten. Aufführungen von namhaften deutschen Orchestern fanden in jedem Jahr zwischen 1906-1914 und 1923-1942 statt. Seitdem aber wurde das Werk nur sporadisch aufgeführt. Die Partitur erschien im Verlag Kistner und Siegel, der wegen der Beliebtheit des Werks auch eine Fassung für Klavier vierhändig veröffentlichte.

Übersetzung: Stephen Luttmann, 2005

Aufführungsmaterial ist von Kistner und Siegel, Frankfurtzu beziehen. Nachdruck eines Exemplars der Musikbibliothek der Münchner Stadtbibliothek, München.

Partitur Nr.

439

Edition

Repertoire Explorer

Genre

Orchester

Seiten

48

Format

160 x 240 mm

Druck

Reprint

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