Wetz, Richard

Symphony No. 2 in A major, op. 47

Art.-Nr.: 1831 Kategorie:

33,00 

Richard Wetz

II. Symphonie A-Dur op. 47
(1919)

(geb. Gleiwitz [Gliwice, Oberschlesien], 26. Februar 1875 – gest. Erfurt, 16. Januar 1935)

I Hauptzeitmaß. Mäßig bewegt (p. 3) – Sehr ruhig und mit Innigkeit (p. 14) – Breit, mit aller Kraft –
Energisch bewegt (p. 19) – Ruhig (p. 20) – Noch ruhiger (p. 21) – Erstes Hauptzeitmaß (p. 22) –
Im ruhigen Hauptzeitmaß (p. 23) – Wieder bewegter (p. 27) – Majestätisch (p. 30) – Etwas fließender (p. 34) –
Etwas gehaltener (p. 37) – Im ersten Hauptzeitmaß (p. 38) – Sehr ruhig und mit Innigkeit (p. 46) –
Etwas zurückhalten (p. 47) – Im Hauptzeitmaß, aber etwas bewegter (p. 51) – Im ersten Hauptzeitmaß (p. 55) –
Etwas breiter (p. 57) – Im Hauptzeitmaß, etwas gehalten (p. 60)

II Langsam, mit klagendem Ausdruck (p. 63) – Sehr ruhig und ausdrucksvoll (p. 69) – Etwas drängend (p. 71) –
Im Zeitmaß (p. 72) – Drängend (p. 74) – A tempo (p. 75) – Wie zu Anfang (p. 76)

III Finale. Bewegt, ruhige Halbe (p. 84) – Langsam und ausdrucksvoll (p. 95) – Erstes Zeitmaß (p. 98) –
Etwas gehalten (p. 101) – Im Zeitmaß (p. 103) – Allmählich vorwärts drängend (p. 107) – Zurückhalten –
Breit (p. 110) – Ruhig und ausdrucksvoll – Mit größter Kraft und Wucht (p. 111) – Erstes Zeitmaß (p. 113) –
Ruhiger (p. 119) – Getragen und ausdrucksvoll (p. 121) – Etwas drängend (p. 124) – Wuchtig und schwer, breit (p. 125) – Im Hauptzeitmaß, etwas gehalten (p. 127) – Im Hauptzeitmaß, erregt (p. 128) – Im Hauptzeitmaß (p. 130) –
Etwas breiteres Hauptzeitmaß (p. 133)

Vorwort
Dass Richard Wetz als Symphoniker von Anton Bruckner beeinflusst war, ist um Johannes Brahms aus anderem Zusammenhang zu zitieren, was „jeder Esel hört“ – eine Tatsache, die – in ganz anderer Ausprägung – auch auf den drei Jahrzehnte später geborenen Nürnberger Symphoniker Martin Scherber (1907-74) zutrifft, der wie Wetz auch drei gewichtige Symphonien komponiert hat, die gleichfalls ohne die Tonsprache des Meisters von St. Florian nicht zu denken sind. Doch Wetz’ Formpsychologie ist, bei allen offenkundigen Momenten und Phasen der unüberhörbaren Bruckner’schen Anklänge – ganz besonders in der Art und Weise obsessiven Steigerns –, in ihrer romantischen Unruhe eine vollkommen andere. Und wenn Wetz in späteren Jahren große geistliche Werke wie sein Requiem oder Weihnachts-Oratorium schrieb, so wird offenbar, wie wenig er in seinem Ausdruck und Streben tatsächlich mit Bruckner gemein haben sollte. Es ist natürlich zu bedauern, dass Wetz nicht mehr dazu kam, seine geplante Vierte Symphonie zu schreiben, und angesichts seiner Entwicklungslinie ist davon auszugehen, dass sie Bruckner ferner gestanden hätte als ihre drei Vorgängerwerke.

Richard Wetz war der Sohn des gebürtigen Österreichers Georg Wetz (1849-1903), eines Kaufmanns, und von Klara Wetz geb. Mucha (1852-1906). Obgleich er früh musikalische Begabung zeigte, bekam er erst als Achtjähriger ersten Klavierunterricht. Schon früh komponierte er Lieder und Klavierstücke. Als 13jähriger hörte er Mozarts große g-moll-Symphonie KV 550, und von da an stand sein Entschluss, Komponist zu werden, fest. Nach dem Abitur ging er 1897 nach Leipzig ans Konservatorium, wo er von den Altmeistern Carl Reinecke (1824-1910) und Salomon Jadassohn (1831-1902) unterwiesen wurde, doch brach er schon nach sechs Wochen das Studium ab, aus Enttäuschung über den hoffnungslos konservativen Geist, der die Institution fest im Griff hatte und allen Neuerungen der ‚Neudeutschen’ um Franz Liszt und Richard Wagner ablehnend gegenüberstand. Er nahm Privatunterricht bei Richard Hofmann (1844-1918), dem vormaligen Leiter der Leipziger Singakademie, und bei dem Friedrich Kiel-Schüler Alfred Apel, belegte an der Leipziger Universität Philosophie, Psychologie und Literaturwissenschaft, neigte besonders dem Denken Arthur Schopenhauers zu, und widmete sich dem Studium der Dichtung von Goethe, Kleist, Hölderlin, Gottfried Keller und Wilhelm Raabe. 1899 ging Wetz nach München und nahm ein Kompositionsstudium bei Ludwig Thuille (1861-1907) auf, das ihm eine solide handwerkliche Grundlage insbesondere hinsichtlich der kontrapunktischen Verfahren verschaffte. 1900 zog er nach Stralsund und erhielt dank Felix Weingartners (1863-1942) Fürsprache eine Stelle als Theaterkapellmeister, die er nach wenigen Monaten wieder aufgab, um sich in ähnlicher Position in Barmen zu versuchen. Auch dies war nur von kurzer Dauer, und er kehrte nach Leipzig zurück, wo er sich im Selbststudium weiterbildete und seine Kenntnis der großen Vorgänger vertiefte, unter welchen Anton Bruckner und Franz Liszt von besonderer Bedeutung für ihn sein sollten.

Ab 1906 wirkte Richard Wetz in Erfurt, wo er die Leitung des Musikvereins übernahm und sich für die ihm verbleibenden drei Jahrzehnte niederließ. 1903 hatte er seine erste Oper ‚Judith’ op. 13 vollendet, der 1904 die zweite Oper ‚Das ewige Feuer’ op. 19 folgte. Letztere wurde 1907 in Hamburg und Düsseldorf aufgeführt und allgemein als Fehlschlag betrachtet. Eine 1907 begonnene dritte Oper ‚Savitri’ blieb unvollendet. Doch sein erstes Orchesterwerk, die Kleist-Ouvertüre op. 16 von 1903, hatte 1908 in Berlin unter Arthur Nikisch (1855-1922) durchschlagenden Erfolg und bahnte den Weg zu überregionaler Bekanntheit (sie sollte sein meistaufgeführtes Orchesterwerk bleiben).
Wetz profilierte sich in drei Jahrzehnten als überragende Musikergestalt im thüringischen Erfurt. 1911-21 lehrte er Komposition und Musikgeschichte am Thüringer Landeskonservatorium, ab 1916 als Dozent und ab 1920 als Professor an der Großherzoglichen Musikschule in Weimar (der Vorgängerinstitution der heutigen ‚Hochschule für Musik Franz Liszt’) Musikgeschichte, Kontrapunkt, Instrumentation und Komposition (zu seinen Schülern zählen Walter Rein [1893-1955] und Werner Trenkner [1902-81], der 1930 und 1932 zwei Symphonien in klarem Bekenntnis zu seinem Lehrmeister vollendete).

In den zwanziger Jahren trat Wetz mit drei wichtigen Buchpublikationen hervor: ‚Anton Bruckner. Sein Leben und Schaffen’ (1922), ‚Franz Liszt’ (1925) und ‚Beethoven. Die geistigen Grundlagen seines Schaffens’ (1927). 1928 wurde Wetz, der in Erfurt mehrere Musikfeste ausgerichtet hatte, in denen vorwiegend seine eigenen Werke zur Aufführung kamen, von der Preußischen Akademie der Künste zum Auswärtigen Mitglied ernannt, und bald darauf schlug er das Angebot, an der Berliner Musikhochschule Komposition zu unterrichten, aus – er blieb Thüringen treu und wurde zunehmend von seinen administrativen Aufgaben in Weimar in Anspruch genommen, was den Schaffensfluss einschränkte. Sein Erfolg außerhalb Thüringens hielt sich in bescheidenen Grenzen, und 1932 konstatierte er: „Meiner Musik geht es merkwürdig; wo sie erklingt, ergreift sie aufs Tiefste; aber es wird ihr selten Gelegenheit dazu gegeben.“ Im Oktober 1934 stellte man bei Wetz, der ein starker Raucher war, Lungenkrebs in fortgeschrittenem Stadium fest, und starb bald darauf. Der Starrsinn des Nachlassverwalters verhinderte, dass sein Schüler Werner Trenkner die Skizzen seines unvollendeten Goethe-Oratoriums nicht wie von Wetz verfügt vollenden konnte.

Nach Wetz’ Übersiedlung nach Erfurt entstanden bedeutende Chorwerke mit Orchesterbegleitung (1908 der ‚Gesang des Lebens’ op 29 für Knabenchor und Orchester, 1912 ‚Hyperion’ op. 32 für Bariton, Chor und Orchester, und 1914 ‚Der Dritte Psalm’ op. 37 für Bariton, Chor und Orchester), bevor er 1916 seine Erste Symphonie c-moll op. 40 vollenden konnte. Dieser folgten 1919 die Zweite Symphonie, 1922 die Dritte Symphonie in b-moll/B-Dur op. 48, 1925 das Requiem h-moll op. 50 für Sopran, Bariton, Chor und Orchester, 1929 das ‚Weihnachtsoratorium als alt-deutsche Gedichte’ op. 53 für Sopran, Bariton, Chor und Orchester, und 1933 das Violinkonzert h-moll op. 57. Das Goethe-Oratorium ‚Liebe, Leben, Ewigkeit’ blieb unvollendet und ist verschollen. Auch in der a-cappella-Chormusik, in der Kammermusik (Sonate für Violine solo G-Dur op. 33 von 1911, Erstes Streichquartett f-moll op. 43 von 1916 und 2. Streichquartett e-moll op. 49 von 1923), für die Orgel (Passacaglia und Fuge d-moll op. 55 von 1930) und für das Klavier (‚Romantische Variationen über ein eigenes Thema’ op. 42 von 1916 und 5 Klavierstücke op. 54 von 1929) hat Wetz Bedeutendes geschaffen.

Wie kein anderer Dirigent hat sich Peter Raabe (1872-1945), der eminente Liszt-Forscher und –Biograph und spätere Präsident der Reichsmusikkammer, für Richard Wetz’ Schaffen eingesetzt, sowohl zunächst in Weimar als auch später als Generalmusikdirektor des Aachener Städtischen Orchesters. Er muss als eigentlicher Entdecker und entscheidender Förderer des Symphonikers Wetz gelten. Raabe dirigierte am 23. Januar 1917 in Weimar die Uraufführung der Ersten Symphonie und ebendort am 9. Januar 1920 die Uraufführung von Wetz’ Zweiter Symphonie A-Dur op. 47. In Aachen folgten am 10. Januar 1923 die Uraufführung der Dritten Symphonie und am 3. März 1926 diejenige des Requiems. Ein nicht genau ergründetes Zerwürfnis verhinderte, dass Raabe auch Wetz’ Weihnachtsoratorium aus der Taufe gehoben hätte, woran die ‚Wetzianer’ selbstredend Raabe die Hauptschuld zuwiesen. Doch Raabe, der sich in dreißiger Jahren verstärkt für das Schaffen Felix Woyrschs (1860-1944) einsetzte, blieb seinen Überzeugungen treu und leitete stattdessen nach des Meisters Tod am 10. Oktober 1935 die Uraufführung des Violinkonzerts des Wetz-Schülers Werner Trenkner.

Richard Wetz’ Zweite Symphonie wurde von den Kommentatoren gerne als seine ‚Pastorale’ bezeichnet, was im Vergleich mit der Ersten Symphonie verständlich erscheint, jedoch völlig die extremen Kontraste übersieht, die auch dieses Werk in seiner großformalen Anlage prägen. Anders als die viersätzigen Symphonie Nr. 1 und 3 hat die Zweite nur drei Sätze, da Wetz das ursprünglich geplante Scherzo nicht ausführte. Er schrieb zuerst die Ecksätze, um dann zu befinden, dass der langsame Mittelsatz als energetisches Gegenstück völlig genügte: „Der zweite Satz ist ein Trauergesang, ein mitleidvoller Blick auf das ‚öde, ach so arme Leben, das keinen Wunsch uns je erfüllen kann’“, so Wetz in einem Kommentar. Die Symphonie entstand innerhalb von zehn Monaten und wurde im Oktober 1919 vollendet. Im Manuskript ist das Finale noch als vierter Satz bezeichnet, welches der Komponist gegen seine Kritiker in Schutz nahm: „Die Kritik hat das erste Thema des Finale der zweiten Symphonie für ‚unbedeutend’ erklärt; mit Unrecht: es tritt zunächst gewissermaßen keimhaft auf und entfaltet erst im Verlauf des Satzes alle in ihm enthaltenen heftig gespannten Kräfte. Der erste und dritte Satz bilden eine geschlossene Einheit, die Themen des ersten Satzes kehren im letzten auf einer höheren Ebene wieder.“
Wie auch immer man zu Wetz’ stilistischer Haltung und zu der Frage der Originalität stehen mag, kann doch kein Zweifel bestehen, dass er ein genuiner Symphoniker war, der vermochte, extreme Kontraste zueinander in bezwingenden Bezug zu setzen und die Form als Ganzes sich organisch entwickeln zu lassen. Was Richard Wetz 1925 in seiner Liszt-Monographie schrieb, lässt sich denn auch widerspruchslos auf sein eigenes Schaffen beziehen: „Gleich den Naturformen sind auch die Formen der Kunst der ‚Gottheit lebendiges Kleid’, d. h. sie sind letzten Endes das Ergebnis der im Schaffenden waltenden Kräfte; in unerklärbar-geheimnisvoller Weise wächst das Werk, Inhalt und Form gleichzeitig, in der Seele des Schöpfers. Es ist doch nicht so, dass er für das, was er schaffen will oder besser muss, erst eine Form sucht! Überaus schön hat der junge Schopenhauer, als er die Gedankensymphonie der ‚Welt als Wille und Vorstellung’ in sich trug, dieses Sichzusammenschließen von Inhalt und Form geschildert. Wo ein lebendiger Gehalt vorhanden ist, da ist auch die Form lebendig. Wie albern, das ‚Neue’ eines Kunstwerkes aus der Neuartigkeit der Mittel erklären oder gar durch Veränderung der Mittel im weitesten Sinne eine neue Kunst gewinnen zu wollen.“

Die Partitur von Richard Wetz’ Zweiter Symphonie erschien 1921, im Jahr nach der Weimarer Uraufführung, bei Friedrich Kistner in Leipzig im Druck. Vorliegende Ausgabe ist ein unveränderter Nachdruck dieses Erstdrucks.

Christoph Schlüren, Mai 2016

Aufführungsmaterial ist erhältlich vom Verlag Kistner & Siegel, Brühl. Nachdruck eines Exemplars der Musikbibliothek der Münchner Stadtbibliothek, München.

Partitur Nr.

1831

Edition

Repertoire Explorer

Genre

Orchester

Format

210 x 297 mm

Druck

Reprint

Seiten

142

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