Wagner, Richard

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Wagner, Richard

Parsifal (Vorspiel WWV 111 mit angefügtem Schluss des III. Aufzuges ad lib.)

Art.-Nr.: 1885 Kategorie:

14,00 

Wilhelm Richard Wagner
(geb. Leipzig,, 22. Mai 1813 – gest. Venedig, 13. Februar 1883)

Parsifal
Vorspiel WWV 111 mit angefügtem Schluss des III. Aufzuges ad lib.

Premiere: Festspielhaus Bayreuth, zweite jährliche Festspiele, 1882

Zu Füßen Weberns
Wurde jemals ein Komponist in einem theatralischen Umfeld geboren, so war es Richard Wagner. Ein künstlerischer Revolutionär, der das Musiktheater des neunzehnten Jahrhunderts neu konzipierte, eine komplexe, kontroverse Figur, verwurzelt in der Musik der frühromantischen deutschen Bühne.

Aufgezogen von seiner Mutter und seinem Stiefvater Ludwig Geyer, zog der junge Wilhelm Richard Geyer (wie er bis zum Alter von vierzehn Jahren hieß) im Alter von einem Jahr mit seiner Familie nach Dresden, wo sein Stiefvater dem Hoftheater als Charakterdarsteller beitrat. Ludwig schmuggelte seinen jüngsten Stiefsohn in das Kostüm-Geschäft, und Richard hatte seinen ersten Auftritt mit vier Jahren als Cherub. Seine fünf Schwestern wurden nach Heldinnen von Goethe und Schiller benannt, drei wurden professionelle Schauspieler. Seine Nichte Johana schuf die Rolle der Elisabeth in Tannhäuser und hatte eine bemerkenswerte Karriere als Sängerin.

Der Komponist Carl Maria von Weber (Cousin von Constanze Weber Mozart) war zu Wagners Kindertagen ein regelmäßiger Gast in seinem Elternhaus, und der Achtjährige besass ein Puppentheater der Wolfsschlucht-Szene aus Webers Freischütz mit Kulisse, Vorhängen, Tieren und Feuerwerk. Damals war das Theater ein allgegenwärtiges Medium, es gab fahrende Schauspielertruppen, städtische Theaterkompanien, kleine private Hoftheater, an denen die Presse nicht zugelassen war (wie z.B. in Weimar, wo Liszt die Premieren vieler Wagnerwerke gab) und große Hoftheater, die hauptsächlich von Italienern geleitet wurden.

Zur Zeit der französischen Revolution wurden spektakuläre Kulissen unentbehrliche Bestandteile der Oper. Den Zenit solcher Bemühungen stellte die Pariser Opéra um 1830 dar, wo jüdische Komponisten wie Fromental Halévy (1799-1862) und Giacomo Meyerbeer (1971-1864) Werke schrieben, die sich das Können von Ingenieuren und Bühnentechnikern ausgiebig zu Nutze machten. Weber führte in Dresden bedeutende Innovationen ein, indem er ein deutsches Opernunternehmen in Dresden neben dem bestehenden Italienischen gründete. Zum Zeitpunkt seines Todes 1826 waren zwei Drittel der Premieren in Dresden deutsche Werke. Es war Weber, der die moderne Praxis ins Leben rief, die Proben eines neues Werkes mit einer Leseprobe zu beginnen, und er war einer der ersten Komponisten, der die Verantwortung für alle Aspekte des Bühnen- und szenische Designs übernahm. Wagner trat in die Fussstapfen Webers und rhetorischen Begabungen ein, die Sänger zu vollständig engagierten Aufführungen zu inspirieren.

Frühe Opern
Nach dem Tod seines Stiefvaters 1821 wurde Wagner ins Internat des Dresdner Kreuzchors gesandt. Nach seinem vierzehnten Geburtstag kehrte die Familie nach Leipzig zurück und besuchte regelmäßig Aufführungen am Theater Leipzig, das über ein Orchester mit 35 Musikern und einen gemischten Chor mit dreißig Sängern verfügte. Richard änderte seinen Nachnamen in Wagner, studierte Komposition an der Universität Leipzig (wo er eine dramatische Tragödie, Leubald, und eine Oper, Die Hochzeit, skizzierte) und assistierte dem Kantor der Thomasschule, an der Bach ein Jahrhundert früher unterrichtete.

Der älteste der drei Brüder, Albert (1799-1974) war ein hoher Tenor und Bühnen–manager des Würzburger Theaterensembles: Er stellte Richard 1833 als Chorleiter (von fünfzehn Sängern) ein. Während seiner Würzburger Zeit trat der Zwanzigjährige in Theateraufführungen auf, ebenso als Pantomime im Ballett, und vollendete seine Märchenoper Die Feen (postum 1888 uraufgeführt, nachdem er sich weigerte, die wiederverwendeten “orientalischen” Kostüme in Würzburg zu benutzen). Teilzeit–anstellungen folgten, angefangen mit einer Stelle als musikalischer Leiter in Magdeburg; hier beendete er seine zweite Oper, Das Liebesverbot (1834), die auf Shakespeares Measure for Measure beruhte. Die Produktion endete nach nur zwei Aufführungen – Grund waren schwache Besucherzahlen, eine zehntägige Probezeit, während der zu Improvisationen mit der Inszenierung und den Liedtexten ermutigt wurde, und ein Streit zwischen dem Mann der Prima Donna und dem Tenor vor einem Auftritt.

Obgleich er, vor allem im lettischen Riga (1837-1839), ein erfolgreicher Dirigent war, machte Wagner so hohe Schulden, dass sein Ausweis konfisziert wurde und er vor seinen Gläubigern fliehen musste. Hier begann Wagner, an einer dritten Oper zu arbeiten, brach sie allerdings nach nur drei Liedern ab: Er übertrug eine Erzählung aus Tausendundeiner Nacht ins Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts und betitelte das Werk Männerlist grösser als Frauenlist oder Die glückliche Bärenfamilie. Sein nächstes Projekt, in Riga begonnen und in Paris fertiggestellt, sollte seine dritte vollständige Oper werden: Rienzi.

Grand Opera
Nach einer stürmischen Seereise landete Wagner über London in Paris, wo er nur durch das Arrangieren von Opernarien für das cornet à pistons überleben konnte; Schuld für die mißliche Lage seien “die Protegés der Mächte, die alleine die Angelegenheiten der Kunst kontrollieren”. Das Théâtre Italien und die Opéra-Comique konzentrierten sich auf italienische Oper, während das Théâtre Lyrique, wiederaufgebaut nach dem Krieg 1830, neue Werke von Franzosen wie Berlioz und Gounod herausbrachten und gelegentlich deutsche und italienische Oper übernahmen (einschließlich der französischen Version von Wagners Rienzi 1869).
Trotz der Revolution von 1830 war die Paris Opéra (wie die Académie Royale de Musique genannt wurde) unter staatlicher Kontrolle und hatte sich der fünfaktigen französische Grand Opera verschrieben. Texte, Musik, religiöse Prozessionen, Menschenmassen, Hinrichtungen, Sonnenaufgänge, Revolutionen, Sonnenuntergänge und Ballett wurden kombiniert zu einem möglichst überwältigenden spektakulären Effekt. Die offizielle Commission de Surveillance forderte “grandeur”, aber akzeptierte nur Opernszenarios, die “aus der Mythologie oder Geschichte stammen; Hauptfiguren sind Könige oder Helden.” Wagner besuchte mindestens zehn Opernproduktionen und lobte das “wunderschöne Orchesterspiel und die sorgfältige und effektive Inszenierung” von Meyerbeers Les Huguenots. Er wurde bezahlt, einen Klavierauszug mit Stimmen von Halévys La Reine de Chypre (1841) zu erstellen. Später bestätigte er, dass er “noch immer Freude am großartigen Stil [von La Juive]” habe und rühmte Halévy als “den ersten musikalischen Genre-Maler.” Er traf Louis-Jacques-Mandé Daguerre (1789-1851), einen Künstler des Bühnenbilds, der berühmt war für seine Lichtillusionen (wie die Eruption des Vesuv, die für das Finale von Aubers La muette de Portici benutzt wurde) und die Erfindung der Daguerreotypie auf der Basis von Silberjodid

Obwohl Wagner kein Werk in Paris präsentierte, empfahl Meyerbeer Rienzi an das Dresdner Hoftheater, wo 1842 unter beträchtlichem Applaus die vollen sechs Stunden aufgeführt wurden. Die Premiere ermöglichte es Wagner, nach Hause zurückzukehren, wo er im folgenden Jahr zum Komponisten am königlichen Hofes von Sachsen ernannt wurde. Im bemerkenswert produktiven Sommer des Jahres 1845 begegnete Wagner zum ersten Mal den Ritterromanzen von Wolfram von Eschenbach aus dem 13. Jahrhundert im Kurort Marienbad, wo er sich von seinen Verpflichtungen als Dirigent des Dresdner Opernhauses erholte. Diese Lektüre wurde zu seiner wichtigsten Quelle für den Parsifal. In diesem Sommer war Wagner ein ehrgeiziger Mann von 32 Jahren; als er begann, die Musik für Parsifal zu schreiben, hatte er seine Mittsechziger erreicht, ein verwitterter und zurückgezogener Komponist, der an Angina litt. Er beendete die Partitur im Januar 1882, etwas mehr als ein Jahr vor seinem Tod in Venedig.

Als Wagner sich in Dresden aufhielt, wurde er in linksgerichtete Politik involviert. Nach einer erfolglosen Revolution 1848-1849 flohen Wagner, Smetana und andere aus der Region (bis 1862 war ihm nicht erlaubt, zurückzukehren). Alle seine politisch und rassistisch aufgeladenen Schriften sind auf die Zeit der Exiljahre zu datieren, nach der Vollendung von Rienzi. Wagner entwickelte ein eigenständiges Konzept der deutschen Grand Opera oder eines “Musikdramas” als Gesamtkunstwerk und baute sein eigenes Theater in Bayreuth.

Parsifal
Wagners letzte Oper ist eine musikalische Reise, andersartig als jede andere. Der Komponist bezeichnete Parsifal als Bühnenweihfestspiel, ein Werk für das Fest anlässlich der [zweiten] Einweihung der Bühne [das Bayreuther Festivalhaus, das Wagner baute, um seinen Ring-Zyklus aufzuführen]. Parsifal zog seine Vorteile aus der besonderen Klangfülle und der immersiven Erfahrung des Bayreuther Orts: Die Klangwelt dieser Oper erstrahlt in Farben, Nuancen und Texturen, wie sie sonst nirgends bei Wagner zu finden sind. Nietzsche verurteilte die Oper als “ein Fluch auf die Sinne und den Geist”, und nachdem er das Vorspiel hörte, schrieb er, es sei eine “Penetration von Visionen, die durch die Seele schneiden wie ein Messer.”

1876 schuf Wagner auf eine Nachfrage seines Gönners König Ludwig II. einen detaillierten Entwurf zum Parsifal – einschließlich der Hintergrundgeschichte über den Heiligen Gral und den Ursprung des ritterlichen Ordens, dessen Aufgabe es war, ihn zu beschützen. Er schrieb das Libretto im Januar 1877, nachdem im vorherigen Sommer der Ring – Zyklus seine Uraufführung erlebt hatte. Wie Wagner in seinem späten Aufsatz Kunst und Religion schrieb, ist es der Kunst möglich, die “tiefe und versteckte Wahrheit” aus den “mythischen Symbolen” aufzudecken, deren Religion “uns in ihren wörtlichen Sinn glauben machen würde.”

Die Partitur von Parsifal ist eine außergewöhnliche Mischung aus musikalischer Transzendenz und dramatischer Bindekraft, mit Glocken und Fernchören, die eine liturgische Atmosphäre heraufbeschwören. Das prachtvolle und ausgedehnte Vorspiel erweckt eine Vorstellung von der wichtigen Rolle, die das Orchester spielen wird, indem es eine Welt erschafft, in welcher die Zeit selber auf unübliche Weise erlebt wird. Außerdem verwob Wagner persönliche Erlebnisse aus seinem ganzen bisherigen Lebens in die Struktur von Parsifals Musik, Bildsprache und szenische Konzeption wie das “Dresden Amen” aus der Stadt, in der er einst revolutionäre Hoffnung hegte oder das Glockenläuten, das er während seines Exils in Zürich hörte.

Wagners Witwe Cosima versuchte, Parsifals Mystik zu intensivieren, indem sie die Bühnenaufführungen für die fünfunddreißig Jahre während seines Copyrights auf Produktionen in Bayreuth beschränkte. Als die Metropolitan Opera in New York am Weihnachtsabend 1903 die erste Aufführung Amerikas auf die Bühne brachte, wurde das Ereignis als Skandal empfunden, der enorme Aufregung auslöste.

Ressourcen
Richard Wagner Goes to the Theatre ist ein wunderschön illustrierter Ausstellungs–katalog aus Bayreuth von Oswald Bauer, der Wagners Leben als Theaterbesucher aufzeichnet. Die zwei wichtigsten Bücher über Design und Kultur der romantischen Grand Opera sind Jane Fulchers The Nation’s Image: French Grand Opera as Politics and Politicized Art (Cambridge, 1987) und Patrick Carnegys Wagner and the Art of the Theatre (Yale, 2006), “die best dokumentierte Veröffentlichung der neuesten Wagnerliteratur” nach Pierre Boulez.

Übersetzung: Oliver Fraenzke

Aufführungsmaterial ist von Breitkopf und Härtel, Wiesbaden, zu beziehen.

 

 

 

Partitur Nr.

1885

Edition

Repertoire Explorer

Genre

Orchester

Format

225 x 320 mm

Druck

Reprint

Seiten

36