Szymanowski, Karol

Love Songs of Hafiz for solo voice and orchestra, Op. 26

Art.-Nr.: 1821 Kategorie:

26,00 

Karol Szymanowski

(geb. Tymoszówka, 6. Oktober 1882 – gest. Lausanne, 29. März 1937)

Des Hafis Liebeslieder
für Singstimme und Orchester, op. 26

Karol Szymanowski wurde in Tymoszówka (nahe Kiew/Ukraine) auf einem Anwesen, das seiner Familie seit der Trennung von Polen gehörte, geboren. Seine erste musikalische Ausbildung erhielt er zuhause, danach in der Musikschule des nächsten Ortes. 1901 zog er nach Warschau, um seine musikalischen Studien durch Privatunterricht in Harmonielehre, Kontrapunkt und Komposition bei den führenden polnischen Musikern – Marek Zawirski, einem Professor des Warschauer Musikinstituts, sowie dem Komponisten Zygmunt Noskowski – fortzusetzen. Szymanowski interessierte sich besonders für die Neuerungen in der Musik und begeisterte sich schnell für die Neudeutsche Schule (Wagner und Strauss). Als er erkannte, dass sowohl seine Lehrer wie auch das Management des neu gegründeten Philharmonischen Orchesters Warschau seine Begeisterung nicht teilten, unterstützte er die Gründung der Abteilung Musik in der Gruppe „Junges Polen“. Jedem Mitglied – Szymanowski, Fitelberg, Róźycki und Szeluto – war es überlassen, fortschrittliche musikalische Richtungen der polnischen Musik als Reaktion auf das konservative kulturelle Establishment zu fördern. Obwohl die Gruppe kurzlebig war, hatte sie in Fürst Władysław Lubomirski einen vermögenden Förderer, der die Veröffentlichungen und Aufführungen von Szymanowskis früher Musik sowohl in Polen als auch Deutschland unterstützte. Im Jahr 1906 veranstaltete der Fürst ein Konzert mit Kompositionen der Gruppe „Junges Polen“, darunter Szymanowskis Konzertouvertüre für Orchester. Das Konzert wurde in Warschau und Berlin gegeben und von Zuhörern und Kritikern gelobt.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg reiste Szymanowski viel – insbesonderen nach Paris, Sizilien und Nordafrika; Wien war zwischen 1911 und 1912 sein ständiger Wohnsitz. Während des Ersten Weltkrieges kehrte er nach Tymoszówka zurück und vertiefte sich ins Studium der alten griechischen und arabischen Kultur, von der er auf seinen Reise im Mittelmeerraum inspiriert wurde. Es entstanden sein erstes Violinkonzert (1916) und die dritte Sinfonie Lied der Nacht (1914-1916). Die Russische Revolution von 1917 und die Zerstörung des Hauses der Familie in Tymoszówka zwangen ihn jedoch, aus der Ukraine zu fliehen. Bis zum Ende seines Lebens hatte Szymanowski keinen dauerhaften Wohnsitz mehr, und die Gewalttätigkeiten des Ersten Weltkrieges und der Revolution erschütterten seinen Glauben in die Bedeutung der Kunst als ästhetische Flucht aus der Welt. Nach dem Krieg komponierte Szymanowski keine Musik, sondern schrieb den Roman Efebos, den er 1919 vollendete. Die erhaltenen Fragmente teilen die Thematik einer Liebe jenseits aller sozialen Normen mit seiner Oper Król Roger (König Roger, 1924 vollendet).

In den 1920er Jahren – als Polen seine Unabhängigkeit wiedergewann – fand auch Szymanowski seine musikalische Bestimmung wieder. Der Komponist, der früher gegen musikalischen Nationalismus im Allgemeinen und den Gebrauch von volkstümlichem Material im Speziellen war, fing an, für die Schaffung eines polnischen Nationalismus ohne den Provinzialismus, den er in seiner Jugend als erdrückend empfand, zu kämpfen. Um diesem engen Blickfeld zu vermeiden, wünschte sich Szymanowski für seine Musik eine universelle Wirkung. Sein Ballett Harnasie (1925), das Stabat Mater (1925-26) sowie das zweite Violinkonzert (1932-33) sind die wichtigsten Kompositionen dieser Bestrebungen. 1927 wurde Szymanowski Direktor des Warschauer Konservatoriums, kämpfte jedoch gegen dessen noch konservative Verwaltung und verließ das Amt 1929. 1930 wurde er Rektor des Musikinstituts in Warschau, wo er seine hohen Ideale der Lehre besser umsetzen konnte; 1932 kündigte er auch diese Stellung.

Ungeachtet seiner Tuberkulose-Erkrankung (1929) und einer nur teilweisen Wiedergewinnung seiner Gesundheit unternahm Szymanowski in den frühen 1930er Jahren anstrengende Konzertreisen, um sein rückläufiges Einkommen aufzustocken. Er führte europaweit sowohl seine eigenen Klavierkompositionen wie auch die neue Symphonie concertante für Klavier und Orchester (1933) auf; Höhepunkt war die Konzertreise durch Skandinavien im Jahr 1935. Im darauffolgenden Jahr reiste Szymanowski nach Grasse an der Côte d’Azur. Als seine Sekretärin Leonia Gradstein dort Anfang 1937 ankommt, hatte sich Szymanowskis Gesundheitszustand rapide verschlechtert, und er wurde in Sanatorien in Cannes und später Lausanne gebracht. Er erholte sich nicht mehr von diesem Zusammenbruch und starb am 29. März 1937.

Szymanowskis Musik kann grob in drei stilistische Perioden gegliedert werden. Die erste Periode dauerte von den Jahren des „Jungen Polens“ bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. In dieser Zeit war Szymanowski stark von der Musik Richard Strauss’ beeinflusst. Beispielsweise lassen die Konzertouvertüre (1906) und die Zweite Sinfonie (1911) Strauss’ kompositorische Techniken erkennen, indem sie dichte chromatische Strukturen mit umfangreichem, rhythmisch flexiblem melodischen Material, gesetzt für großes Orchester, benutzen. Ähnliches gilt für Szymanowskis Operneinakter Hagith (1913), der sich an Strauss’ Salome orientiert.

Seine Reisen nach Sizilien und Nordafrika weckten Szymanowskis Interesse an den antiken Kulturen dieser Regionen, und er studierte diese alten mediterranen Kulturen zwischen 1914 und 1918 in Tymoszówka. Diese Jahren stellen seine zweite stilistische Periode dar. Obwohl Szymanowski nicht direkt griechische oder arabische musikalische Mittel einfließen ließ, deutete er seine Inspirationsquellen durch diskreten Einsatz von Exotismen an; darunter fallen arabische Melodien und Verzierungen, ostinate Tanzrhythmen und Bordune sowie die übermäßige Sekunde. Debussy und Ravel, deren Musik Szymanowski Anfang 1914 in Paris hörte, beeinflussen darüberhinaus die zweite Periode Szymanowskis. Dieser Impressionismus ist in der durchsichtigen und raffinierten Orchestrierung, ebenso wie in Passagen farbenreicher, aber nichtfunktionaler Harmonien (Ganztöne und oktatonische Skalen), am augenfälligsten. Szymanowskis Kombination französischer und „exotischer“ Einflüsse ist in seiner dritten Sinfonie (Lied der Nacht) ebenso, wie in den Liederzyklen Des Hafis Liebeslieder op. 26 (1914) und Lieder des verliebten Muezzins (1918, orchestriert 1934) am gegenwärtigsten.

Die Musik der dritten Periode, die von den Nachkriegsjahren bis zu seinem Tod dauert, beschäftigt sich schließlich mit dem polnischen Nationalismus. Dazu suchte Szymanowski im Hochland der Tatra in Südpolen nach Inspiration. Die rhythmische Energie der Volksmusik dieses Landstrichs durchdringt sein Ballett Harnasie (1925), das Zweite Violoinkonzert (1932-33) und ist auch – dort allerdings eher zurückhaltend – in der Symphonie concertante präsent. Der Liederzyklus Słopiewnie (1921, orchestriert 1923-24) benutzt ebenfalls – neben einem höchst eigentümlichen polnischen Text von Julian Tuwim, der voll von Wortneuschöpfungen ist – melodische Techniken aus den tatrischen Liedern.

Karol Szymanowski wurde schnell als führender polnischer Komponist des frühen 20. Jahrhunderts anerkannt, ein Beweis der universellen Wirkung seiner Musik. Obwohl Szymanowski ungemein patriotisch war, wurde er in seinen Interessen nie provinziell. Durch die Kombination verschiedener Einflüsse erschuf Szymanowski einen Personalstil von edler Schönheit. Seine Musik ist ungeachtet jeder stilistischen Periode in ihrem ekstatischen emotionalen Ausdruck aufrichtig – egal, ob im Tanzrhythmus, wortlosen Arabesken oder der Intensität eines einzelnen Akkords.

Szymanowski schrieb zwei Liederzyklen mit dem Titel Des Hafis Liebeslieder. Der erste, für Gesang und Klavier, entstand 1911 und wurde sein Opus 24. Den zweiten schuf er 1914, ebenfalls im Original für Gesang und Klavier. Im Lauf dieses Jahres nahm Szymanowski drei Lieder aus Opus 24 sowie fünf Lieder des zweiten Zyklus und erschuf ein neues Werk: Des Hafis Liebeslieder op. 26 für Gesang und Orchester.

Inspiriert wurde Szymanowski durch den deutschen Dichter Hans Bethge und dessen freie Übersetzung von Liebesgedichten des persischen Dichters Hafis von Schiras (14. Jahrhundert). Szymanowski faszinierte die arabische Kultur, und im Frühjahr 1914 reiste er nach Algier, Tunis, Constantine und Biskra in Nordafrika. Als er nach Tymoszówka zurückkehrte, versuchte er jedoch nicht, die Musik, die er in Nordafrika gehört hatte, zu imitieren, sondern verband sie mit kontrastierenden europäischen Einflüssen, um einen sehr differenzierten Stil zu erschaffen, der die raffinierte Natur der Poesie von Hafis verdeutlichen konnte.

Des Hafis Liebeslieder überbrückt die Lücke zwischen den beiden ersten stilistischen Perioden Szymanowskis. Das Ergebnis ist eine prächtige Kombination des deutschen Expressionismus und des französischen Impressionismus. Szymanowski setzte auch weiterhin melodische und harmonische Chromatik ein, um gesteigerte Emotionen zu erreichen, für die er sich von deutschen Vorbildern wie etwa von Richard Strauss inspirieren liess, die er jedoch um seine impressionistische Vorliebe für orchestrale Klangfarben und nichtfunktionale Harmonien erweiterte. So fügte Szymanowski expressive vokale Linien mit weitem chromatischem Umfang in ein komplexes Gewebe orchestraler Klangfarben ein und integrierte übermäßige Dreiklänge sowie Ganztonskalen. Darüberhinaus integrierte Szymanowski Anspielungen auf arabische Musik – insbesondere die übermäßige Sekunde in melodischen Mustern und das rhythmische Ostinato in der Begleitung – in seine späteren Lieder des Zyklus.

Diese Entwicklung ist in den ersten drei Liedern – Życzenie (Wünsche), Zakochany wiatr (Der verliebte Ostwind) und Taniec (Tanz) hörbar. Szymanowski entnahm sie der früheren Fassung der Liebeslieder. Das erste erinnert im Einsatz melodischer Vorschläge eindeutig an Strauss, während das zweite und dritte zunehmend arabische Einflüsse aufweisen. Diese „Exotismen“ nehmen im Verlauf des Zyklus zu und kulminieren in Grób Hafisa (Grab des Hafis), des Dichters Betrachtung seines eigenen Grabes und dessen Schönheit, die es den Vorübergehenden auch nach seinem Tod bietet.

Szymanowski war durch die sinnliche Schönheit der Poesie Hafis’ angezogen. Die edle Sprache des persischen Dichters und die ekstatische Stimmung fand ihre Entsprechung in Szymanowskis Kompositionen. Ob in der labilen Mattigkeit von Serca mego perły (Perlen meiner Seele) oder der rhythmischen Energie von Taniec (Tanz) und Pieśń pijacka (Trinklied): die aufgeladene Ekstase und die Sehnsucht des Komponisten wie auch des Dichters verbinden sich, um eine einmalige musikalische Erfahrung zu schaffen. Des Hafis Liebeslieder op. 26 wurde am 23. Juni 1925 beim Festival polnischer Musik in Paris uraufgeführt. Solist war der Tenor Paulet, Grzegorz Fitelberg stand am Dirigierpult.

Übersetzung: Anke Westermann

Aufführungsmaterial ist von Universal Edition, Wien, zu beziehen. Nachdruck eines Exemplars der Musikbibliothek der Münchner Stadtbibliothek, München.

Partitur Nr.

1821

Edition

Repertoire Explorer

Genre

Chor/Stimme & Orchestra

Format

225 x 320 mm

Druck

Reprint

Seiten

94

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