Indy, Vincent d‘

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Indy, Vincent d‘

String Quartet No.2 in E major Op.45 (parts)

22,00 

Vincent d’Indy

2e Quatuor pour 2 Violons, Alto et Violocelle, Op. 45

(geb. Paris, 27. März 1851 – gest. Paris, 2. Dezember 1931)

Vorwort
Das Streichquartett – so wird gelegentlich behauptet – ähnelt einem Versuchslabor, in dem der Komponist oft seine mutigsten Experimente durchführt und seine innovativsten Ideen ausprobiert. In der langen Geschichte des Streichquartetts – von den Quartetten Op. 33 Joseph Haydns, die nach eigenen Angaben „auf eine gantz neu Besondere Art“ komponiert wurden, über die meisterhaften späten Quartette Beethovens (Op. 130, 131, 132 und die Große Fuge) und die wenigen Beiträge Brahms’ bis zu den modernen Meisterwerken Bartóks, Schönbergs und Carters, die die Gattung gründlich umdefinierten – scheint diese Behauptung auch zuzutreffen. Im Großen und Ganzen – wie diese hehre Ahnenreihe auch vermuten läßt – spielten jedoch anscheinend nur wenige französische Komponisten in der Entstehung und der künstlerischen Entwicklung des Streichquartetts eine Rolle. Es war demnach wohl auch als Versuch, diese Lücke zu füllen, wie Vincent d’Indy seine drei Beiträge zu dieser Gattung verstand: das Streichquartett Nr. 1 D-Dur Op. 35, das Streichquartett Nr. 2 E-Dur Op. 45 und das Streichquartett Nr. 3 Des-Dur Op. 96.

Es besteht kein Zweifel, daß der aristokratische Komponist, Dirigent, Pädagoge, Administrator und Herausgeber der alten Musik d’Indy unter den instrumentalen Formen und Gattungen das Streichquartett besonders hochschätzte. In seinem monumentalen Lehrbuch Cours de Composition Musicale (1903-50) – eigentlich ein von seinen Schülern Auguste Sérieyx und Guy de Lioncourt zusammengetragenes Kompendium seiner Lehrtätigkeit – wird das Streichquartett als Inbegriff der Instrumentalformen überhaupt betrachtet, das „vom Instrumentalkonzert die Prinzipien des musikalischen Dialogs und des polyphonen Satzes, von der Symphonie die Gleichrangigkeit der Instrumentalstimmen und von der Kammermusik die Beschränkung der Anzahl der Musizierenden sowie die Abschaffung des fleißigen Continuospiels herleitet“ (d’Indy, S. 212).

Für d’Indy stellen die Streichquartette Beethovens den Dreh- und Angelpunkt dar, auf dem die ganze Geschichte der Gattung ruhe, wobei alle anderen Quartette entweder als Vorläufer oder als Nachfolger des Beethovenschen Oeuvres einzustufen seien (Le Quatuor avant Beethoven – Le Quatuor depuis Beethoven). Unter den Nachfolgern unterscheidet d’Indy grob zwischen zwei Schulen der Streichquartettkomponisten: einerseits die Deutschlastigen, die er als die „romantiques“ bezeichnet (Schubert, Mendelssohn, Schumann, Brahms, aber auch Dvořák, Grieg sowie einige andere von verschiedener Herkunft), andererseits die sich anbahnende französische Schule, die die Werke der „modernes“ Franck, Lalo, Saint-Saëns, Chausson, d’Indy selber und – mit einigen Vorbehalten – Claude Debussy beinhaltet. Zwar hegt er für die deutsche Tonkunst eine tiefe Bewunderung und für Wagner eine treue Verehrung, jedoch werden alle Werke aus dem deutschen Lager eigentlich abgelehnt, indem er die Beiträge vieler Komponisten in ein paar Sätzen abtut. An erster Stelle wird stattdessen ein langer Lobgesang auf ein einziges Streichquartett aus der Feder César Francks angestimmt, zu dessen getreuesten Schülern d’Indy auch zählte.

Das Streichquartett Francks, das 1890 nur einige Monate vor seinem Tod entstand, wird von d’Indy nicht nur als angemessener Gipfelpunkt des kompositorischen Erbes seines früheren Lehrmeisters, sondern auch gleichsam als Apotheose des Streichquartetts in seinem damaligen Entwicklungsstand hochgepriesen. D’Indy zufolge verkörpere das Werk die unmittelbare Erbschaft des Genies Beethoven, eine Stellung, die es durch seine vollendete handwerkliche Faktur, seine klar gegliederte Form, seine Ausdruckstiefe, seine Beherrschung der musikalischen Architektonik sowie die Strenge seiner thematisch-motivischen Arbeit durchaus verdiene. Es handelt sich hierbei um genau die Eigenschaften, die d’Indy während seiner Studienjahre bei Franck erlernte und zu den Hauptmerkmalen seines Personalstils zu erheben trachtete, für den das Zweite Streichquartett Op. 45 als hervorragendes Beispiel gilt.

In diesem Streichquartett verfeinerte d’Indy wohl endgültig einige der bedeutendsten Regeln seiner Kompositionstechnik: die zyklische Einheit unter den verschiedenen Sätzen bzw. Abschnitten eines längeren Werks, die durchgehende thematische Verwandlung sowie die Entfaltung musikalischer Themen aus kleineren motivischen Keimzellen, die er als cellules bezeichnete. In diesem Sinne knüpft das Quartett an der intensiven Auseinandersetzung d’Indys mit den Werken von Bach, Beethoven, Liszt und natürlich Franck an.
Die cellule, aus der die geamte kompositorische Faktur abgeleitet wird, erscheint im Partiturdruck gleich am Anfang des Kopfsatzes als Motto. Durch die an Bach erinnernde rätselhafte Schlüsselung lassen sich die angegebenen Tonhöhen als Gis-A-Cis-H, H-Cis-E-Dis aber auch in Umkehrung als E-Dis-H-Cis lesen. Aus diesen Erscheinungsformen werden nicht nur die Hauptthemen der vier Sätze, sondern auch das harmonische Umfeld um diese Themen immer wieder neu – und umgestaltet.

Bei der Entwicklung der Themen spielen alle Instrumentalstimmen eine besondere Rolle, indem sie gegenseitige Beziehungen innerhalb eines dichten polyphonen Gefüges eingehen, aus dem die Harmonien gleichsam von selbst erwachsen. Dem Komponisten sind die linearen Bewegungen und die melodischen Konturen wohl wichtiger als die sich daraus ergebenden Klanggebilde. Nichtsdestotrotz durchzieht das Werk als Ganzes eine harmonische Tonsprache, die der Vorliebe d’Indys für einen gesamtheitlichen tonalen Aufbau gegenüber den damals aufkeimenden Zersplitterungen der Tonalität scheinbar Lügen straft. Ebenfalls „klassisch“ sind die jeweiligen formalen Anlagen, die er für die vier Sätze aussuchte, von denen ein jeder im besagten Cours de Composition Musicale auch eine kurze analytische Beschreibung erhält.

Dem Kopfsatz wird eine langsame Einleitung vorangestellt, in der die cellule bereits einem ersten Entwicklungsprozeß unterzogen wird. Das Hauptthema erscheint in der Gestalt einer Fuge als Zeichen der Vorliebe d’Indys für polyphone Gebilde. Danach hält sich der Satz ziemlich genau an der herkömmlichen Untergliederung der Sonatenhauptsatzform. Statt eines langsamen Satzes folgt darauf jedoch ein beschwingtes und lebhaftes Scherzo, in dem der Komponist mit dem unregelmäßigen 5/4-Takt gekonnt umgeht. Der dritte Satz wurde vom Komponisten als fünfteiliges „Lied développé“ bezeichnet, in dem das Anfangsthema in einer schlichten Liedform verfaßt wird, für die d’Indy den Begriff „phrase lied classique“ bereithielt. Schließlich wird das Quartett mit einem handwerklich meisterhaften Sonaten-Rondo zu Ende geführt, dessen Ritornell sich aus der transponierten Umkehrung der ursprünglichen cellule mit einer schillernden Ostinato-Begleitung ergibt.

Das 1897 vollendete Zweite Streichquartett E-Dur wurde am 5. März 1898 durch das Quatuor Parent uraufgeführt. Der Primarius und Namensgeber des Quartetts, Armand Parent, gehörte zum Lehrkörper der Pariser Schola Cantorum, die erst einige Jahre zuvor – 1894 – von Vincent d’Indy mit gegründet wurde.

Übersetzung: Bradford Robinson

Weiterführende Literatur
– Demuth, Norman. Vincent d’Indy (1851-1931). Champion of Classicism. London 1951.
– D’Indy, Vincent. Cours de Composition Musicale, 2 Bde., hrsg. von Auguste Sérieyx. Paris 1903-50.
– Thomson, Andrew. Vincent d’Indy and His World. Oxford 1996.

Aufführungsmaterial ist von der mph, München zu beziehen.


Vincent d’Indy
(b. Paris, 27 Mach 1851 – d. Paris, 2 December 1931

2e Quatuor pour 2 Violons, Alto et Violocelle, Op 45

Preface
It has been said that the string quartet is like a laboratory in which the composer oftentimes chooses to try out his most daring experiments and innovative ideas. This appears to be true throughout the history of the string quartet: from Haydn’s quartets of Op 33, self-admittedly written “in a new and special way,” Beethoven’s masterful late works (Opp. 130, 131, 132, and the Grosse Fuge), and the few forays into the form by Brahms, to the modern masterworks of Bartok, Schoenberg and Carter that served to redefine the genre itself. On the whole, as one might gather from the rather august lineage just presented, few French composers appear to have played a significant role in the development and artistic growth of the string quartet. It was perhaps in part to address this lacuna that Vincent d’Indy intended his three works in the genre: String Quartet No. 1 in D Major (Op. 35), String Quartet No. 2 in E Major (Op. 45) and String Quartet No. 3 in D-flat Major (Op. 96).

There can be little doubt that d’Indy – composer, conductor, educator, administrator, aristocrat, and editor of early music – held the sting quartet in high regard among instrumental forms and genres. As stated in his monumental Cours de Composition Musicale (1903-1950) – actually a compendium of d’Indy’s teachings assembled by his students Auguste Sérieyx and Guy de Lioncourt – the string quartet is considered to be the very quintessence of all the other instrumental forms, “borrowing from the concerto the principles of musical dialogue and polyphonic writing, from the symphony the equality of instrumental parts, and from chamber music the restriction in the number of players and elimination of the fastidious continuo.” (d’Indy, p. 212)

For d’Indy, Beethoven’s quartets represent a fulcrum upon which is balanced the entire history of the musical genre. All other works are classified as belonging either to a pre- or post-Beethovenian orbit (Le Quatuor avant Beethoven – Le Quatuor depuis Beethoven). Concerning the latter, d’Indy distinguishes between two broad schools of quartet composers: those of Germanic association which he labels as romantiques (Schubert, Mendelssohn, Schumann, Brahms, but also Dvorak, Grieg and several others of various national backgrounds), and those belonging to an emerging French school which he designates as modernes (comprising the works of Franck, Lalo, Saint-Saëns, Chausson, d’Indy himself, and, perhaps somewhat begrudgingly, Claude Debussy). Though himself an ardent admirer of German music and a loyal devotee of Wagner, d’Indy all but dismisses the works from the German camp, summing up the contributions of many in merely a sentence or two. Pride of place, rather, is reserved for a lengthy panegyric regarding the single string quartet that stemmed from the pen of César Franck, of whom d’Indy was a most dedicated student.
Written but several months before the composer’s death in 1890, Franck’s quartet, as viewed by d’Indy, represented not only a most suitable culmination of his former teacher’s artistic legacy, but also something of a apotheosis of the string quartet reached by its time. D’Indy saw the work as the direct inheritance of Beethoven’s genius, a tribute owed to the work’s thorough craftsmanship, precision of form, profoundness of expression, mastery of tonal architecture, and rigorous working-out of thematic material. These are the very elements that d’Indy was himself to learn from his studies with Franck; and, these would be the very same characteristics the d’Indy sought to make hallmarks of his own compositional style, of which the Second String Quartet (Op 45) serves as an excellent example.

It is perhaps in this quartet that d’Indy truly honed several of the most significant tenets of his compositional technique – cyclic unity among the various movements or sections of an extended work, continuous thematic transformation, and the germination of musical themes from smaller motivic units he termed cellules. In this way, d’Indy’s work draws from his own serious study of the works of Bach, Beethoven, Liszt and, of course, Franck.

The cellule from which the whole fabric of the quartet is woven is stated as an epigraph at the head of the first movement in the published score. The enigmatic placement of clefs (á la Bach) allows for multiple readings of the pitch set: G#-A-C#-B; B-C#-E-D#; and, by inversion, E-D#-B-C#. From these incarnations, d’Indy shapes and reshapes both the principal themes of each of the four movements as well as the rich harmonic atmosphere in which they are set.

Each instrumental part plays its role in developing the themes, often inter-relating in a dense polyphonic web from which the harmonies emerge somewhat consequentially. Linear movement and melodic contour are perhaps more important to the composer than the resulting vertical sonorities. Nevertheless, d’Indy casts the entirety of the work in a harmonic language that belies his preference for tonal planning over some of the challenges to tonality that were burgeoning at the time. Equally “classical” is his adherence to the structural designs chosen for the four movements, each of which receives a brief analytical treatment in the composer’s aforementioned Cours de Composition Musicale.

The first movement begins with a slow introduction in which the cellule already begins to be developed. The first theme emerges in the form of a fugue – a nod to d’Indy’s delight in polyphonic textures. From there onwards, the movement largely follows the traditional order of sonata form. This is followed, not by a slow movement, but rather by a jaunting and animated scherzo in which the composer deftly handles the irregular meter 5/4. D’Indy refers to the third movement as a Lied développé in five sections, where the initial theme conforms to a simple A-B-A design that the composer terms a phrase lied classique. Finally, the quartet is brought to its close in a well-crafted sonata-rondo, the refrain of which is built from the transposed inversion of the original cellule over a shimmering ostinato.
Completed in 1897, the Second String Quartet in E Major had its premiere on 5 March, 1898 by the Quatuor Parent. The quartet’s first violinist, Armand Parent, whose name lends itself to that of the ensemble, was a teacher at the Schola Cantorum in Paris which was co-founded by Vincent d’Indy just several years earlier in 1894.

Michael A. Nealon
Lansing Community College
Lansing, Michigan

Suggested Resources
– Demuth, Norman. Vincent d’Indy (1851-1931): Champion of Classicism. London, 1951.
– d’Indy, Vincent. Cours de Composition Musicale. 2 Volumes. Edited by August Sérieyx. Paris, 1903-1950.
– Thomson, Andrew. Vincent d’Indy and His World. Oxford, 1996.

For performance material please contact the publisher mph, Munich.

Partitur Nr.

855b

Edition

Repertoire Explorer

Genre

Kammermusik

Printing

reprint

Specifics

Set of Parts

Size

225 x 320 mm

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