Gernsheim, Friedrich

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Gernsheim, Friedrich

Piano Quintets Opp. 35 & 63 (score)

24,00 

Friedrich Gernsheim
(geb. Worms, 17. Juli 1839 — gest. Berlin, 11. September 1916)

Quintett für Pianoforte, 2 Violine, Bratsche und Violoncell, Op. 35
(1877)

I Allegro moderato
II Andante molto cantabile
III Vivace ed energico
IV Allegro con brio

Zweites Quintett (H moll)
für Pianoforte, 2 Violinen, Viola und Violoncell , Op. 63
(1896)

I Molto moderato
II Adagio
III Allegretto molto grazioso e sempre scherzando
IV Allegro giocoso, ma non troppo presto

Vorwort
Liest man den Namen Friedrich Gernsheim — und das geschieht immer noch recht selten — so meist in Verbindung mit dem von Johannes Brahms: Jener gehöre zum Brahms-Kreis und sei von Brahms beeinflusst. Das stimmt zum Teil, unterschlägt jedoch manches. Tatsächlich war Gernsheim ein konservativer Komponist, von der Programm-Musik wenig und allem Anschein nach von der Oper noch weniger angezogen als Brahms; zwar blieb er mit Brahms seit ihrer ersten Begegnung im Jahre 1862 bis zum Tod des Meisters in freundschaftlichem Kontakt. Doch der Vorwurf, er sei bloß ein Brahms-Epigone, beruht auf Unkenntnis seiner Werke, oft auch auf latentem (oder gar nicht latenten) Antisemitismus. Bei näherer Betrachtung erkennt man in Gernsheim einen Komponisten, der in seiner Musik — sei es dank seiner rheinländischen Herkunft, sei es dank seiner dirigentischen Tätigkeit — Nachklänge von Beethoven, Mendelssohn, Spohr, Schubert und selbstverständlich Brahms in einen überzeugenden Eigenstil verschmilzt. Vor allem erkennt man einen Komponisten, der einen fast unbeirrbaren Sinn für formale Vollendung entwickelte und dem jegliche leere Geste abhold war.
Friedrich Gernsheim stammte aus einer aufgeklärten, weitgehend assimilierten, jedoch tief gläubigen jüdischen Familie in Worms. In seinem 1928 veröffentlichten und bis heute unübertroffenen Standardwerk über den Komponisten (Friedrich Gernsheim, Leben, Erscheinung und Werk) erzählt Karl Holl eine Geschichte, die für die geistige Haltung der Familie kennzeichnend ist: Seit altersher stand an einem Wormser Stadttor ein mit «Judengefängnis» betafeltes Gebäude, wo Juden, die sich dem Judenzoll zu entziehen versuchten, eingesperrt wurden. Als 1793 die französische Armee die Stadt eroberte und «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» als gesetzliches Prinzip einführten, stieg der Großvater des Komponisten auf eine Leiter und zerschlug die «Judengefängnis»-Tafel mit einem Beil. Auf demselben Platz sollte Jahre später sein Sohn Abraham, der Vater des Komponisten, das Haus bauen, in dem Friedrich am 17. Juli 1839 geboren wurde. Abraham Gernsheim war von Beruf Arzt, und in seinen wenigen freien Stunden auch begeisterter Flötist; seine Frau, eine ungemein begabte Klavierspielerin, gab dem jungen Fritz — übrigens das einzige Kind des Ehepaars — den ersten Musikunterricht. Er zeigte bald sowohl im Klavierspiel wie auch in der Komposition von Liedern außerordentliche musikalische Fähigkeiten, und schon als Siebenjähriger bekam er Unterricht in Klavierspiel und Theorie vom Spohr-Schüler Louis Liebe, mit dem er Zeit seines Lebens befreundet blieb. 1848 entschloss sich die Familie, Mutter und Kind nach der von den Wirren der Revolution wenig berührten Festung Mainz zu schicken. Eigentlich sollte es sich um eine vorübergehende Sicherheitsmaßnahme handeln, aber trotz aller Zuneigung zur Familie und zur Vaterstadt Worms sollte das Kind nur noch als Gast zurückkehren. Kaum war Friedrich ein Jahr in Mainz, als der Frankfurter Klavierpädagoge Aloys Schmitt Mutter und Kind nach Frankfurt brachte. Dort hinterließ der junge Musiker einen so starken Eindruck bei seinen Lehrern, dass sie alsbald zur öffentlichen Vorführung seiner Fähigkeiten ein Konzert veranstalteten: Am 5. Mai 1850 erschien er im Frankfurter Stadttheater als Pianist (mit dem A-moll-Konzert von Hummel), als Geiger (mit den G-dur-Variationen von Rode) und schließlich als Komponist (mit einer Orchesterouvertüre aus seiner Wormser Zeit). Der junge Fritz wurde als Wunderkind gefeiert, und bald folgten weitere Konzerte und eine Konzertreise rheinaufwärts bis Karlsruhe.
Schon als Dreizehnjähriger ging er auf das Leipziger Konservatorium, wo er 1852 bis 1854 bei einigen der renommiertesten Lehrer der Zeit Unterricht bekam: bei Ignaz Moscheles und Louis Plaidy (Klavier), Ferdinand David und Raimund Dreyschock (Violine), Moritz Hauptmann und Ernst Friedrich Richter (Kontrapunkt), Julius Rietz (Komposition) und Franz Brendel (Musikgeschichte). Von 1855 bis 1861 lebte er in Paris, wo er bei Antoine François Marmontel Klavier studierte und eine Reihe von Komponisten kennenlernte: Rossini, Liszt, Rubinstein, Lalo, Heller und Saint-Saëns. Dort schloss er auch eine lebenslange Freundschaft mit dem Dirigenten Hermann Levi, dem er 1861 als Leiter des Saarbrücker Gesang- und Instrumentalvereins nachfolgte. 1865 erhielt er eine Stellung als Lehrer für Klavier und Komposition am Kölner Konservatorium sowie als Leiter der Musikalischen Gesellschaft und des Städtischen Gesangsvereins. Unter seinen Schülern war Engelbert Humperdinck; unter seinen engen Freunden und künstlerischen Mitstreitern waren Max Bruch und Ferdinand Hiller, bei dessen Soirées Clara Schumann, Johannes Brahms und Joachim Raff häufig zu Gast waren. Die Jahre in Köln gefielen ihm sehr, aber sein Wunsch nach mehr Selbstständigkeit brachte ihn 1874 nach Rotterdam, wo er bis 1890 als Direktor der Maatschappij tot bevordering van toonkunst (Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst) tätig war. Er wurde somit praktisch zum «Generalmusikdirektor» der ganzen Stadt: Die großen Reihen von Chor- und Orchesterkonzerten waren sein Betätigungsfeld sowie die Führung einer Musikschule; darüber hinaus erschien er regelmäßig als Gastdirigent der Deutschen Oper in Rotterdam. Er fühlte sich in Rotterdam wohl, und seine Tätigkeiten — als Komponist, als Dirigent, als Pädagoge — wurden dort hoch geschätzt, jedoch sehnte er sich gelegentlich nach Deutschland zurück. Als 1880 die Stellung als Leiter des Berliner Stern’schen Gesangvereins frei wurde, überlegte sich er lange, ob er sich darum bewerben sollte; schließlich entschied er sich dagegen, wohl weil es damals in Berlin, wie Holl aufgrund eines Briefs von Hiller an Gernsheim argumentiert, kein anspruchsvolles Orchester gab. Vier Jahre später wurde die Stellung als Leiter des Kölner Konservatoriums frei, und Gernsheim hoffte sehr auf eine dauerhafte Rückkehr in die Stadt, die er so sehr geliebt hatte. Jedoch, wie Holl schreibt: «Die Frage der künstlerischen Befähigung war von einigen Leuten zu einer Frage des Glaubensbekenntnisses degradiert worden.»
Endlich hatte Gernsheim Erfolg, als 1890 die Berliner Stellung wieder frei wurde. Dank der tatkräftigen Fürsürache von Kollegen wie Brahms, Bruch, Joachim und Bülow wurde er mit großer Mehrheit für den Posten gewählt. Diesen hielt er bis 1904 inne, und er verstand es trotz anhaltender Sympathie für den Konkurrenten Julius Stockhausen den guten Willen des Chors zu gewinnen und ihn zur weiteren künstlerischen Entfaltung zu bringen. Trotz seiner konservativen Haltung entwickelte er ein väterlich-freundliches Verhältnis zu Gustav Mahler, dessen Zweite Symphonie ihre Berliner Erstaufführung 1895 unter Mitwirkung von Gernsheims Chor erlebte. Seine Tätigkeit als Lehrer am Stern’schen Konservatorium legte er 1897 nieder, als er zum Senat der Königliche Akademie der Künste berufen wurde. In seinen letzten Jahren unterrichtete er nur gelegentlich, um seine schwindenden Kräfte der Komposition zu widmen; als Dirigent und Pianist trat er noch gelegentlich auf, u.a. im Winter 1907-08 als Leiter der Meininger Hofkapelle (als Gastdirigent anstelle des erkrankten Freunds Wilhelm Berger), und 1914, als die Stadt Dortmund seinen 75. Geburtstag mit einem zweitägigen Fest zu seinem Ehren veranstaltete.
Friedrich Gernsheims Quintett für Pianoforte, 2 Violine, Bratsche und Violoncell, op. 35 (in d moll) erschien 1877 bei Simrock in Berlin und ist seinem Onkel durch Heirat, Friedrich Veit Kaula, gewidmet. Es geht hier um das erste Werk Gernsheims für diese Besetzung; ein zweites folgte genau zwanzig Jahre später. Holl schreibt dieses d-moll-Quintett “der Hoch-Zeit von Gernsheims Brahmsgefolgschaft” zu, obwohl man mit einigem Recht erwidern könnte, diese Haupt-Zeit umfasse Gernsheims reife Werke überhaupt. Näheres zur Entstehung und Uraufführung des Quintetts ist unbekannt und bedarf wohl der gründlichen Ausforschung der Tagespresse in Rotterdam, wo er schon als Zentrum der Musikleben galt, sowie in Deutschland, wo er zahlreiche engagierte Kollegen hatte. Sein Zweites Quintett (H moll) für Pianoforte, 2 Violinen, Viola und Violoncell, op. 63 hingegen stammt aus seiner Berliner Jahren. Widmungsträger ist das Böhmische Streichquartett — Karel Hoffmann (1872-1936) und Josef Suk (1874-1935), Violinen; Oskar Nedbal (1874-1930), Bratsche; und Hanuš Wihan (1855-1920), Violoncell – das zusammen mit dem Komponisten am Klavier das Werk aus der Taufe hob. (Holl berichtet, die Uraufführung habe im Bösendorfersaal zu Wien stattgefunden, überliefert leider kein Datum dafür.) Es erschien 1896 bei Simrock.
Holls Urteil über die zwei Klavierquintette fällt zumeist positiv aus. Am Quintett für Pianoforte, 2 Violine, Bratsche und Violoncell, op. 35 lobt er einerseits seine technische Meisterschaft und drei der vier Sätze, insbesondere den ersten, den er “bedeutend und eigenwüchsig” findet, und das “wirksame Fugato” am Kopf des Finalesatzes. Andererseits bemängelt er das “etwas schwächer wirkende” Andante molto cantabile. Das Zweite Quintett (H moll) für Pianoforte, 2 Violinen, Viola und Violoncell, op. 63 findet er “der Epik, Polymelodik und sinnlichen Brillanz” des Muzisierens der Widmungsträger angepasst. Nur das Finale, das sich “leider etwas zersplittert,” hält er für weniger als völlig gelungen. Holl glaubt schliesslich, dass “der Antrieb, sich mit ihnen (d.h., mit Gernsheims Klavierquintetten) zu beschäftigen, wird wohl mehr von leistungsfähigen Klavierspielern als etwa von Streichern ausgehen” – denn er findet, “durchsichtiger Streicherklang und entsprechende Kontrapunktik” seien in Gernsheims Streichquartetten und –quintetten besser zur Schau gestellt. An solchen Tugenden fehlt es in den Klavierquintetten zwar nicht; Holl selbst erwähnt den “reich durchfugierte” ersten Satz und den “in prickelndem Filigran gehaltene” dritten Satz des op. 63 – und übersieht etwas das häufige Ineinanderspiel der Streicher in den zwei Mittelsätzen des op. 35. Von den weiteren Schönheiten der zwei Werke – insbesondere dem schwungvollen ersten Satz des op. 35 und den Scherzi der beiden Werke – weitere Musterbeispiele von einem Satzart, in der sich Gernsheim besonders auszeichnete – wird wohl kein Zuhörer unüberzeugt bleiben.
Gernsheims Kammermusikwerke werden in letzter Zeit wieder entdeckt – ein Streichquartett und zwei der drei Klavierquartette sind jetzt auf CD erhältlich – und eine Aufnahme der zwei Klavierquintette ist soeben (Februar 2010!) erschienen: Mitwirkende sind das litauische Art Vio Streichquartett und Edouard Oganessian (Toccata Classics 99).

Stephen Luttmann, 2010

Aufführungsmaterial ist von Musikproduktion Höflich (www.musikmph.de), München zu beziehen. Nachdruck eines Exemplars der Musikbibliothek der Münchner Stadtbibliothek, München

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