Berlioz, Hector

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Berlioz, Hector

Les Troyens (in two volumes with French libretto)

Art.-Nr.: 2023 Kategorie:

108,00 

Hector Berlioz

Les Troyens

(geb. La Côte-Saint-André, Isère, 11. Dezember 1803 – gest. Paris, 8. März 1869)

Zu den Klassikern der im 19. Jahrhundert rezipierten Literatur gehörten nicht nur Werke der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit, sondern auch ganz selbstverständlich Literatur der Antike. So wie zur akademischen Ausbildung an Kunstakademien die Arbeit mit antiken Sujets gehörte, findet sich auch in der Musik spätestens seit dem Klassizismus bis in die Postmoderne eine intensive fruchtbare Auseinandersetzung mit entsprechenden Sujets. Die Legenden um Ilias und Odyssee wurden instrumental wie vokal regelmäßig musikalisch behandelt, doch in dem Maße, wie die Allgemeinbildung in dieser Hinsicht schwand, verschwanden auch die entsprechenden Werke sowohl aus dem Bewusstsein der Bevölkerung als auch von den Musikprogrammen der Welt.
Ein Werk, das dieses Schicksal nicht teilen musste, sind Hector Berlioz‘ Les Troyens. Schon als Kind hatte auch Berlioz eine Leidenschaft für Vergils Aeneis entwickelt. Die Charaktere dieses Epos – Dido, Aeneas und Kassandra – begleiteten ihn sein Leben lang als Gefährten im Geiste. Er spielte immer wieder mit dem Gedanken, eine Oper über den Fall Trojas und die Geburt der römischen Idee zu schreiben, scheute aber lange davor zurück, da er bezweifelte, dass ein solches Werk von der Pariser Opéra jemals akzeptiert würde. Nach dem Erfolg seines Oratoriums L’enfance du Christ besuchte er 1855 Weimar, wo er in Prinzessin Caroline Sayn-Wittgenstein, der damaligen Lebensgefährtin von Franz Liszt, eine Fürsprecherin für sein Vergil-Projekt fand. Voll Enthusiasmus ging Berlioz daraufhin im Frühjahr 1856 an die Arbeit, die er am 12. April 1858 abschließen konnte (wie bei Béatrice et Bénédict war er auch hier sein eigener Librettist); die folgenden zwei Jahre galten der Verfeinerung und Optimierung der Partitur. Eine Aufführung seines Werkes erlebte der Komponist allerdings nur zu Teilen. Lediglich der III. bis V. Akt wurde (ergänzt um einen neu komponierten Prolog) am 4. November 1863 unter dem Titel Les Troyens à Carthage am Pariser Théâtre-Lyrique an der Place du Châtelet uraufgeführt, der III. Akt überdies in stark gekürzter Form. Immerhin konnte das Werk mit zweiundzwanzig Aufführungen einen beachtlichen Erfolg verbuchen, der es ihm ermöglichte, seine anstrengende Kritikertätigkeit aufzugeben. Allerdings hatte er mit einem für ihn kaum erträglichen Kompromiss zu leben – geschrieben war die Oper für die Opéra, das einzige Theater in Paris mit angemessener Bühnentechnik und -ausstattung. „Das Theater“, so schrieb Berlioz an seinen Freund Humbert Ferrand am 4. Juni 1863 mit Blick auf die Premiere am Théâtre-Lyrique, „ist weder groß noch reich genug, um La Prise de Troie auf die Bühne zu bringen.“ Die Uraufführung des I. und II. Aktes folgte erst rund fünfzehn Jahre später am 7. Dezember 1879 im Cirque d‘Hiver, und auch dann nur konzertant. Erst gut zwanzig Jahre nach Berlioz‘ Tod brachte Felix Mottl an der Karlsruher Hoftheater die gesamte Oper auf die Bühne, allerdings nicht an einem Abend, sondern auf zwei Abende verteilt am 6. und 7. Dezember 1890. Es blieb dort zehn Jahre im Repertoire, neben Berlioz‘ beiden anderen Opern Benvenuto Cellini und Béatrice et Bénédict. Die erste Aufführung der Oper an einem Abend fand am 18. Mai 1913 in Stuttgart statt.
Doch seinen eigentlichen Siegeszug traten die Troyens erst nach dem Zweiten Weltkrieg an. 1947 nahm Sir Thomas Beecham bei der BBC die erste Gesamtaufnahme der Oper auf, in der Titelrolle Jean Giraudeau und in der Doppelrolle von Cassandre und Didon Marisa Ferrer. Seit dem Revival an der Covent Garden Opera 1957 unter der Leitung von Rafael Kubelík, der ersten ungekürzten Aufführung (am 3. Mai 1969 in Glasgow unter Alexander Gibson) und der ersten Schallplatteneinspielung unter Colin Davis 1969 gilt die Oper als Meisterwerk; die Edition der Neuen Berlioz-Ausgabe in den Jahren 1969-70 ermöglichte dem Werk den endgültigen Durchbruch. Die ersten szenischen Gesamtaufführungen in Frankreich erfolgten erst 1987 in Lyon und endlich 1990 anlässlich der Eröffnung der Bastille Opéra in Paris.
Den Stoff der Troyens entnahm Hector Berlioz Vergils Aeneis – für die ersten beiden Akte den Bericht des Aeneas über den Untergang Trojas aus dem II. Gesang, für die Akte III bis V die tragische Liebesgeschichte des Aeneas mit Dido und deren Selbstmord aus dem IV. Gesang. Beide Heldinnen der Oper, Cassandre und Didon, sind nicht Vergils Hauptschwerpunkt, vielmehr gestaltet Berlioz, ohne an Aufträge oder Wünsche gebunden zu sein, seine ganz persönliche Sicht des Endes des Trojanischen Krieges und der Gründung des „neuen Troja“ Rom. Aeneas erscheint in den Troyens vor allem als Getriebener, weniger als aktiv Handelnder. Wie weit sich sein Heroismus aber schon vom normalen Publikum entfernt hatte, erweist Jacques Offenbachs unmittelbar als Reaktion auf Berlioz‘ Oper im Dezember 1864 uraufgeführte Opéra-bouffe La belle Hélène, die die Vorgeschichte des trojanischen Krieges schildert, ganz anders als Vergil oder andere zeitgenössische Autoren es dargestellt hätten.

Jürgen Schaarwächter, 2013

Aufführungsmaterial ist von der Breitkopf und Härtel, Wiesbaden, zu beziehen. Nachdruck eines Exemplars der Musikbibliothek der Münchner Stadtbibliothek, München

Partitur Nr.

2023

Edition

Opera Explorer

Genre

Oper

Seiten

754

Format

210 x 297 mm

Druck

Reprint