Schubert, Franz

Fernando

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Franz Schubert
(geb. Wien, 31. Januar 1797 – gest. Wien, 19. November 1828)

Fernando

Singspiel in einem Akt von Albert Stadler
Musik von Franz Schubert D220

Entstehung
Fernando ist die zweite von vier Opern, die Schubert in seinem “Opernjahr” 1815 schrieb (Der vierjährige Posten, Claudine von Villa Bella, Die Freunde von Salamanca). Das einaktige Singspiel ist ziemlich kurz; es hat nur sieben Musiknummern, die insgesamt weniger als 25 Minuten dauern. Es wurde in relativ kurzer Zeit geschrieben: Schubert notierte auf der ersten Seite des Manuskripts, dass das Werk am 3. Juli begonnen und sechs Tage später (am 9. Juli) abgeschlossen wurde. Zwei weitere Daten im Manuskript widersprechen dieser Notiz ein wenig: Nr.3 (Romanze) und Nr.5 (Arie) sind in Schuberts Handschrift mit 27. Juni bzw. 28. Juni datiert. Vermutlich handelt es sich bei diesen Datierungen um frühere, noch nicht abgeschlossene Versionen dieser Nummern, während die Angaben auf der ersten Seite des Manuskriptes sich auf den abschließenden Kompositionsvorgang beziehen.

Handlung
Nachdem er den Bruder seiner Frau im Kampf getötet hat, zieht sich Fernando in die Pyrenäen zurück, wo er enthaltsam und einsam sein Dasein fristet. Seine Frau Eleonora und sein Sohn Philipp suchen ihn, doch in einem schweren Sturm verliert Philipp seine Mutter. Er irrt im Wald umher und trifft auf seinen Vater (den er allerdings nicht erkennt). Nachdem er dem Fremden seine Geschichte erzählt hat, nimmt dieser den Knaben aus Mitleid auf. Fernando weiß, dass der Junge sein Kind ist, zögert aber, sich als Vater erkennen zu geben. Als jedoch ein Bauer ein blutgetränktes Kleidungsstück bringt, das Philipp sofort als das Kleid seiner Mutter identifizert, kann Fernando nicht länger widerstehen und gibt sich als Philipps Vater zu erkennen. Beide trauern um Eleonora, die sie für tot halten. In der folgenden Szene wird Eleonora von einem Jäger und einem Köhler zu Fernando gebracht, die sie im Wald gefunden haben. Philipp erkennt sofort seine Mutter, doch Eleonora erkennt nicht ihren Mann. Scham und Schuldgefühl erlauben Fernando nicht, seine wahre Identität bekannt zu geben. Erst als er weiß, dass seine Frau bereit ist, ihm zu vergeben, gibt er sich zu erkennen und versöhnt sich mit ihr.

Text
Das Libretto zu Fernando schrieb Schuberts Freund Albert Stadler (1794-1888). Schubert und Stadler trafen sich 1812 im Wiener Stadtkonvikt. Stadler, selbst ein Amateur in muskalischen Dingen, wurde zum privilegierten Zeugen von Schuberts frühen Kompositionen. 1814-15 machte er 80 Kopien von neuen Schubertliedern, und 1815 verfasste er das Libretto für seinen Freund. Es wird oft behauptet wird, dass Schubert bei der Abfassung des Textes mitwirkte, doch findet sich im Manuskript dafür kein Beweis.

Stadlers Libretto ist ganz sicher kein Meisterwerk. Die in Prosa verfassten geprochenen Dialoge sind ziemlich lang und entbehren dramatischer Kraft. Die Handlung ist vorhersehbar; das Buch weist kaum psychologische Einfühlung auf, enthält viel zu lange erzählerische Passagen und ist ziemlich naiv strukturiert. Der Text für die Musik ist, mit Ausnahmen der Rezitative, in Reimen abgefasst. Typisch romantische Metaphern beherrschen den Text, fast ständig werden Emotionen durch Ausdrücke der Überempfindlichkeit dargestellt. Die Charaktere sind ungenügend differenziert, besonders die Kindheit von Philipp ist kaum ausgearbeitet.

Musik
Schuberts Partitur enthält sieben musikalische Nummern:

Nr.1: Introduktion (Philipp) D-moll/G-moll
Nr.2: Arie (Fernando) C-moll
Nr.3: Romanze (Philipp) Des-dur
Nr.4: Duett (Philipp, Fernando) D-moll, D-dur
Nr.5: Arie (Eleonora) B-dur
Nr.6: Duett (Eleonora, Fernando) Es-dur
Nr.7: Finale (Eleonora, Philipp, Fernando und Chor) C-dur

Alle Nummern folgen traditionellen Formen und Ausdruckstypen. Die von einem kurzen recitative accompagnato eingeleitete erste Arie kann als ABAB, die zweite Arie als ABA skizziert werden. Die Romanze ist strophisch angelegt. Die beiden Duette fallen in zwei Teile, deren erster eine von beiden Protagonisten sukzessiv vorgetragene lyrische Melodie enthält, während im zweiten beide zusammen singen. Das Finale besteht hauptsächlich aus einem Chor (ABA). Das interessanteste Stück der Oper ist die Introduktion. Sie beginnt mit einer kurzen instrumentalen Einleitung, einer Art Overtüre, die als atmosphärische Programmmusik konzipiert ist und den Sturm darstellt, in dem Philipp seine Orientierung verliert. Die Einleitung wird von Tremolos, Synkopen und motivischen Fragmenten beherrscht, die auch in dem folgenden Rezitativ vorkommen und die selbst noch im Vorspiel zu Fernandos Arie (Nr.2) ein Echo finden. Das Rezitativ geht in eine einfache Arie (AA’) über. Die Íntroduktion hat den Charakter einer dramatischen Szene, die eher der Tradition der italienischen opera seria verhaftet ist (als dem volkstümlichen und naiven Singspielduktus folgt). Hier macht sich vielleicht der Einfluss Antonio Salieris bemerkbar, bei dem Schubert zu dieser Zeit in die Lehre ging. (Auf der ersten Seite des Manuskriptes bezeichnet sich Schubert ausdrücklich als Schüler von “Herr v. Salieri”.)

Obwohl die Orchestrierung nicht besonders ausgearbeitet ist, scheint Schubert zu versuchen, Charaktere und die einzelnen Nummern durch Instrumentalfarben zu differenzieren. Die Arie in der Introduktion zum Beispiel wird nur von Holzbläsern und Pauken begleitet; die Romanze ist für Streicher, und der Mittelteil von Eleonoras Arie (No.5) wird von zwei Oboen dominiert (“In des Himmels Wohnung bringen Engel…”). Die Wahl der Tonarten steht mit dem Gang des Dramas in Zusammenhang. Die ersten vier Nummern (mit Ausnahme der Romanze) sind in Moll, während der zweite Teil der Oper sich fast ausschließlich in Dur befindet. Vom unablässigen D-moll des Anfangs bewegt sich die Musik langsam zum brillianten und ungetrübten C-dur des Schlusschores.

Geschichtliche Stellung
Schuberts Oper kombiniert zwei beliebte Operntendenzen seiner Zeit. Einerseits nimmt Fernando die Tradition der deutsch-französischen Rettungsoper auf. Das bekannteste Beispiel dieser Gattung ist Beethovens Leonore (Fidelio), eine Oper, die Schubert sicher kannte. Eleonoras Arie und der Schlusschor, in der Versöhnung und eheliche Liebe gefeiert werden, erinnert textlich und musikalisch an Beethovens Meisterwerk. Andererseits treffen Schubert und Stadler den Zeitgeschmack, indem sie ein Kind auf die Opernbühne bringen. Singspiele wie Joseph Weigls Das Waisenhaus (1808) und Adalbert Gyrowetzs Der Augenarzt (1811) wären hier als Beispiele dieser Mode zu nennen.

Rezeption
Wie fast alle Opern Schuberts wurde Fernando nie zu Lebzeiten des Komponisten aufgeführt. Am 21. März 1830 wurde der Schlusschor des Finales im Landhaussaal in Wien unter Leitung von Schuberts Bruder Ferdinand Lukas (1794-1859) aufgeführt. Vollständig kam das Werk erst am 13. April 1907 in einem Konzert des Wiener Schubertbundes zur Aufführung. Ein Jahr später (18. August 1908) fand die Premiere des Singspiels auf der Bühne des Viktoria-Theaters in Magdeburg statt; die Leitung hatte Bernhard Engelke.

Im Jahre 1984 kam eine Einspielung von Fernando bei Orfeo heraus (zusammen mit Claudine von Villa Bella, 1815, D239, und der Kantate zu Ehren von Joseph Spendou, 1816, D472). Diese Einspielung enthält nur die Musiknummern des Singspiels. Die Aufführenden waren der Chor und Orchester des Österreichischen Rundfunks (ORF) unter Leitung von Lothar Zagorsek; Edith Mathis, Gabriele Sima, Heiner Hopfner und Robert Holl sangen die Hauptrollen.

Übersetzung: Jürgen Thym, 2006

Aufführungsmaterial ist von Breitkopf und Härtel, Wiesbaden zu beziehen. Nachdruck eines Exemplars der Musikbibliothek der Münchner Stadtbibliothek, München.


 

Franz Schubert

(b. Vienna, 31 January 1797 – d. Vienna 19 November 1828)

Fernando
Singspiel in one act by Albert Stadler
Music by Franz Schubert D220

Genesis
Fernando is the second of four operas Schubert composed in his so-called operatic year 1815 (Der Vierjährige Posten, Claudine von Villa Bella, Die Freunde von Salamanka). It is a rather short one-act Singspiel, containing only seven musical numbers, with less than 25 minutes of actual music. It was written in a relatively short time: on the front page of the manuscript Schubert noted that the work was begun on July 3 and concluded only six days later (July 9). Two other dates in the manuscript slightly contradict this remark: No.3 (Romanze) is dated June 27 in Schubert’s handwriting, and No.5 (Arie) June 28. Presumably, these dates refer to earlier, as yet incomplete versions of these two numbers, whereas the indication on the front page applies to the conclusive phase of the composition process.

Synopsis
After having murdered his wife’s brother in a fight, Fernando has withdrawn into the Pyrenees, where he lives abstemiously and alone. His wife Eleonora and his son Philipp are searching for him, but in a heavy storm, Philipp loses his way. Roaming through the forest, he meets (but does not recognise) his father, to whom he tells his story. The man takes pity on the boy and offers him his hospitality. Fernando recognises his child, but hesitates to reveal himself as his father. However, when a farmer brings a piece of cloth soaked with blood, which Philipp immediately recognizes as his mother’s dress, Fernando can no longer resist, and presents himself to his son. Together they mourn for Eleonore’s death. In the following scene, however, Eleonore is carried into Fernando’s cabin by a hunter and a charcoal maker, who has found her in the woods. Philipp naturally recognizes his mother straight away, but Eleonora does not acknowledge her husband. Out of shame and sense of guilt, Fernando himself is reluctant to reveal his true identity. Only when he is convinced of his wife’s willingness to forgive him does he reveal his identity and becomes reconciled with her.

Text
The libretto of Fernando was written by Schubert’s friend Albert Stadler (1794-1888). Schubert and Stadler met in 1812 in the Viennese Stadtkonvikt. Stadler, himself an amateur musician, was a privileged witness of Schubert’s early compositions. In 1814-15 he made almost 80 copies of ‘freshly composed’ songs by Schubert. Also in 1815, Stadler wrote the libretto of Fernando for his friend. Although it is often suggested that Schubert collaborated intensively on the text, there is no evidence for this in the manuscript itself.
Stadler’s libretto is certainly not a masterpiece. The spoken dialogues, written in prose, are rather extensive and lack dramatic power. The libretto is predictable, misses psychological empathy, contains far too many narrative passages, and is structured in a rather naive schematic manner. The text for the music is, except from the recitatives, in rhyme. It contains a great deal of typical (and metaphorical) Romantic scenery, and almost continuously employs a hypersensitive mode of expression. Characters are insufficiently differentiated, and the childhood of Philipp is, in particular, barely elaborated.

Music
Schubert’s score contains seven numbers:

No.1: Introduction (Philipp) (D minor/G minor)
No.2: Arie (Fernando) (C minor)
No.3: Romanze (Philipp) (D-flat Major)
No.4: Duett (Philipp, Fernando) (D minor>D Major)
No.5: Arie (Eleonora) (B-flat Major)
No.6: Duett (Eleonora, Fernando) (E-flatMajor)
No.7: Finale (Eleonora, Philipp, Fernando + Choir) (C-Major)

All numbers follow traditional patterns and ways of expression. The first Arie, preceded by a short recitativo accompagnato, has an ABAB-form, while the second is a clear-cut ABA. The Romanze is clearly strophic. Both duets are bipartite, the first part being a presentation of a lyric melody by the two protagonists successively, the second part offering a process of immediate or gradual part-song. The Finale is mainly a chorus (ABA). Probably the most interesting piece in the opera is the Introduction. It starts with a short instrumental introduction, more or less functioning as an overture and clearly conceived as an atmospheric, programmatic piece of music. It depicts the tempest in which Philipp loses his way. This introduction is dominated by agitating tremolos, syncopations and motivic scraps, which continue to characterize the score in the ensuing recitative and even the introduction of Fernando’s Arie (No.2). The recitative is followed by a simple aria (AA’). As a whole, the introduction has the character of a dramatic scene, more akin to the Italian opera seria tradition than to the popular and naive German Singspiel type. This tendency in Schubert’s opera is probably due to his apprenticeship with the famous opera composer Antonio Salieri at that time. In any case it is noteworthy that Schubert presented himself explicitly as a pupil of “Herr v. Salieri” on the front page of his manuscript.

Although the orchestration of Fernando is not extremely elaborated, it appears that Schubert has tried to use instrumental colours to discern characters and to put different numbers into relief. The aria in the introduction, for instance, is accompanied by wind instruments and timpani only; the Romanze is exclusively for strings, and the central part of Eleonora’s aria (No. 5) is accompanied by two oboes only (“In des Himmels Wohnung bringen Engel…”). The choice of tonalities, too, has an evident dramatic intention. Except for the Romanze, the first four numbers are predominantly in minor keys, whereas the second part of the opera is almost continuously in major keys. From the unremitting D minor of the beginning, the score develops towards a brilliant and untroubled C major in the final chorus.

Historical position
In Schubert’s opera, two contemporaneously popular elements were combined in one piece. On the one hand, Fernando recalls the French-German tradition of so-called Rettungsoper or liberation opera. Beethoven’s Leonore (Fidelio), a work Schubert surely knew, is the most famous example of this type. Eleonora’s (!) aria and the final chorus (in which the renewal of marital love is celebrated) are particularly reminiscent of Beethoven’s masterpiece, both from a textual and musical perspective. On the other hand, with this work Schubert and Stadler also follow the popular tendency of casting a young child in an opera. Popular Singspiele such as Joseph Weigl’s Das Waisenhaus (1808) and Adalbert Gyrowetz’s Der Augenartzt (1811) are good examples of this trend.

Reception
Like almost all other operas by Schubert, Fernando was never performed during the composer’s lifetime. On the 21 March 1830, the final chorus of the Singspiel (No.7 Finale, b.13ff) was performed separately in the Landhaussaal in Vienna, conducted by Schubert’s younger brother Ferdinand Lukas (1794-1859). The work was performed in its entirety for the first time in a concert on the 13 April 1907 in Vienna, by the Wiener Schubertbund. Eleven years later (18 August 1918) it finally got its staged premiere in the Viktoria-Theater of Magdeburg, directed by Bernhard Engelke.

In 1984, a recording of Fernando was released by Orfeo, together with Claudine von Villa Bella (1815, D239) and the Kantate zu Ehren von Joseph Spendou (1816, D472). This recording contains only the musical numbers of the opera. It is directed by Lothar Zagrosek, leading the chorus and orchestra of the Austrian Broadcast Company (ORF). Edith Mathis, Gabriele Sima, Heiner Hopfner and Robert Holl sing the principal roles.

Pieter Bergé, 2006

For performance material please contact Breitkopf und Härtel, Wiesbaden. Reprint of a copy from the Musikbibliothek der Münchner Stadtbibliothek, München.

Score No.

54

Edition

Opera Explorer

Size

160 x 240 mm

Printing

Reprint

Genre

Opera

Pages

64

Title

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