Max Bruch
(geb. Köln, 6. Januar 1838 - gest. Friedenau bei Berlin, 20. Oktober 1920)

«Das Lied von der Glocke» op.45

Vorwort
Am 8. Januar 1879 teilt Max Bruch seinem Verleger Simrock folgende Gedanken zur Widmung seines letzten, noch unveröffentlichten Oratoriums brieflich mit: «Unter den jetzigen bedeutenden Musikern ist keiner, dem ich das Werk zuschreiben möchte. …Brahms hat die Zueignung meiner 1. Symphonie nie erwidert - und einer von den dii minorum gentium soll die Glocke nicht haben. Fürsten mag ich auch das Werk nicht widmen, weil ich weder goldene Dosen, noch Titel noch Orden will - Was bleibt nun übrig? Das Einzige, was zugleich das Beste und nach meiner innersten Überzeugung das allein Richtige ist, die Glocke dem Andenken des außerordentlichen Mannes, dem die Nation und die ganze Menschheit dieses wahrhaft unvergleichliche Gedicht verdankt, zu weihen. …. Meine Verehrung für Schiller ist eine unbegrenzte, ich habe immer eine Gelegenheit herbeigewünscht, dieser pietätvollen Gesinnung einen starken Ausdruck zu geben. …»

Tatsächlich findet sich dann in der Partitur zum Lied von der Glocke die posthume Widmung an den großen Literaten - oder um mit Schiller zu sprechen: Hier hat «das Herz zum Herzen» gefunden, denn Bruch, «festgemauert» in der Tradition und Ideenwelt des 19. Jahrhunderts, fand seine Ideale in Schillers 1799 entstandenen Glocke vollends wieder. Dabei ist das Schillersche Gedicht zunächst einmal von seiner Anlage her nicht unbedingt zur Vertonung prädestiniert, und nur wenige Komponisten hatten sich zuvor daran versucht. Einzig Andreas Romberg (1767-1821) war mit seiner Glocke in Erscheinung getreten. In der Anlage ähnlich wie die Vertonung Bruchs, war seine Komposition bei Amateurgruppen recht beliebt und gelangte sogar häufiger zur Aufführung.

Die Arbeit an der Glocke begann Bruch Anfang 1877 in Bonn, der zweite Teil wurde aber überwiegend in Bergisch Gladbach skizziert. Ende des Jahres war der Entwurf abgeschlossen, am 8. Januar 1878 begann Bruch mit der Reinschrift der Partitur und zum Osterfest am 21. April 1878 war diese fertiggestellt.

Der Verleger Simrock war zunächst sehr zurückhaltend hinsichtlich der Druckübernahme, einerseits waren Oratorien in der Herstellung sehr teuer, andererseits verkaufte sich Bruchs zuvor bei Simrock erschienenes Oratorium Arminius nur sehr schleppend. Bruch indes, von der Qualität seiner Glocke schon der Vorlage wegen überzeugt, ließ auf eigene Kosten handschriftliches Aufführungsmaterial herstellen, so dass schon am 12. Mai 1878 die Uraufführung unter seiner Stabführung im Kölner Gürzenich stattfinden konnte. Bruch teilte Simrock dieses in einem Brief mit, im Vorgriff auf eine schon geplante Aufführung in Birmingham in englischer Sprache: «Mr. and Mrs. Simrock and the whole family are invited to come to Cologne Sunday Mai (sic!) 12th, to ring the bell, bum, bum, bien, bien, klingeling. First Performance of Mr Bruch’s new work: The lay of the bell. Orchestra: 2.000, Chorus: 10.000. The soli sung by Gatschakoff, Andrassy, Bismarck, Disraeli! < Concord! concord! > …Yours truly ... M. Bruch (Glöckner).»

Simrock zeigte sich allerdings «not amused« angesichts dieser und einer ganzen Reihe weiterer Manuskriptaufführungen, die recht erfolgreich waren und für einen Verleger in spe erhebliche Einnahmeverluste darstellten. So übernahm er schließlich doch schon 1879 das Werk als op. 45 in sein Verlagsprogramm, nachdem Bruch aus den Erfahrungen der Proben und der Aufführungen heraus noch letzte Hand an die Partitur gelegt hatte.

Die Kritiker bescheinigten Bruch den Erfolg seiner Arbeit, lobten insbesondere die Dramatik der Chorpassagen sowie die gelungenen tonmalerischen Elemente der Musik. Tatsächlich hat Bruch in diesem Werk alle Register seiner kompositorischen Fähigkeiten gezogen. Neben den für Bruch typischen melodischen Passagen gibt es polyphon gearbeitete und stark tonartlich modulierende Abschnitte, und auch seine Vorliebe für das Volkstümliche verleugnet Bruch nicht: Im Satz Holder Friede werden sogar 4 Takte aus dem Weihnachtslied Stille Nacht zitiert.

Insgesamt besteht Bruchs Glocke aus zwei Teilen mit zusammen 27 Nummern. Auch wenn einige Nummern nahtlos aneinander anschließen, so lassen sich doch die einzelnen Abschnitte stets den traditionellen Grundtypen Rezitativ, Arioso, Ensemble und Chorpassage zuordnen.

Bruch selbst war sich sicher, mit diesem Werk neue Maßstäbe gesetzt zu haben. Über ein Oratorium gleichen Inhalts von Bernhard Scholz, Bruchs Vorgänger im Dirigentenamt des Breslauer Orchesters, schreibt er an Simrock im Jahr 1887: «Das Schillersche Gedicht ist zwar frei (den Musikern gegenüber vogelfrei) und jeder kann es komponieren, da es sich nicht wehrt. Vor mir waren nur kleine Leute wie Romberg, Nicolai etc. da - jetzt aber ist seit Jahren meine Musik zur Glocke da. … Ich darf sagen, daß ich dem Schillerschen Gedicht auf manche Jahre hinaus die bestimmte musikalische Form gegeben habe. Es gehört deshalb ein ungewöhnlich hoher Grad von Selbstüberschätzung und Unverschämtheit und Verblendung dazu, mich, wie es Herr Scholz tut, auf meinem eigensten Gebiet direkt anzugreifen.»

Angesichts der Tatsache, dass Bruchs gesamtes Oratorienschaffen heute nahezu in Vergessenheit geraten ist, mag man über diese Äußerungen schmunzeln. Bruchs Glocke wird heute eher zu Ehren des großen Dichters denn zu Bruchs Andenken gespielt (so z.B. vergleichsweise häufig im Schillerjahr 2005). Anders als bei Bruchs Instrumentalwerken liegt dies jedoch nicht allein in der Musik selbst begründet, sondern auch in der Tatsache, dass weltliche Oratorien grundsätzlich in der heutigen Musikpraxis etwas stiefmütterlich behandelt werden - Bruch hatte hier auf ein musikalisches «Auslaufmodell» gesetzt. Die vorliegende Taschenpartiturausgabe mag dem Leser und Hörer dieser Musik die Möglichkeit geben, dieser historischen Entwicklung einen eigenen «Kontrapunkt» entgegenzusetzen.

Wolfgang Eggerking, 2005

Aufführungsmaterial ist von Benjamin Muiskverlage, Hamburg. zu beziehen. Nachdruck eines Exemplars des Max Bruch Archiv im Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln.

 

Max Bruch
(b. Cologne, 6 January 1838 – d. Berlin, 20 October 1920)

«Das Lied von der Glocke»
(The lay of the Bell), op.45

Preface
On 8 January 1879 Max Bruch sent his publisher Simrock the following thoughts on the dedication of his most recent, still unpublished oratorio: «Among the leading musicians of today there is not one to whom I would wish to dedicate this work ... Brahms never responded to the dedication of my First Symphony, and Die Glocke shall not be given to any of the dii minorum gentium. Nor do I wish to dedicate the work to a prince, for I have no desire for golden snuffboxes, titles, or ribbons. What is left? My only choice - at once the best one and, it is my firm belief, the sole right one - is to consecrate Die Glocke to the memory of an extraordinary man to whom the nation, and the whole of humanity, owes this truly incomparable poem. ... My reverence for Schiller is boundless; and I have always sought an opportunity to lend potent expression to my feelings of veneration.»

The score of Das Lied von der Glocke does indeed bear a posthumous dedication to the great German writer. Perhaps, to quote Schiller himself, here «one heart found another,» for Bruch, a composer «immured» in the traditions and ideas of the nineteenth century, found his visions fully realized in Schiller’s poem of 1799. Yet, as far as its form is concerned, Schiller’s Glocke is not necessarily predestined for a musical setting, and few composers had ventured to attempt one. Only Andreas Romberg (1767-1821) had stepped forward with his Glocke, a setting much like Bruch’s in point of form that became quite popular among amateurs and was even frequently heard in performance.

Bruch started work on Die Glocke in Bonn in the early part of 1877. Part II was largely sketched in Bergisch Gladbach. The composition draft was finished before the year was out; and on 8 January Bruch began to write out the score in fair copy, completing it in time for Easter on 21 April 1878.

At first Simrock was very hesitant about accepting the work for publication. After all, oratorios were very expensive to engrave, and Bruch’s preceding oratorio for Simrock, Arminius, was selling poorly. In the meantime Bruch, fully convinced of the high quality of Die Glocke (if only because of its text), arranged for handwritten performance material to be prepared at his own expense so that the première could take place on 12 May 1878, when the work was performed by the Cologne Gürzenich Orchestra under his baton. Bruch reported the event to Simrock by letter in English, preparatory to a scheduled performance in Birmingham: «Mr and Mrs Simrock and the whole family are invited to come to Cologne Sunday Mai [sic] 12th, to ring the bell, bum, bum, bien, bien, klingeling. First Performance of Mr Bruch’s new work: The lay of the bell. Orchestra: 2.000, chorus: 10.000. The soli sung by Gatschakoff, Andrassy, Bismarck, Disraeli! < Concord! concord! > ... Yours truly ...M. Bruc (Bell-ringer)»

Simrock, however, was «not amused» at this or the many other subsequent performances from manuscript, all of which were quite successful and represented a considerable loss of income for a prospective publisher. In 1897 he finally accepted the work into his catalogue as op. 45 after Bruch, drawing on his experiences from the rehearsals and performances, had put the final touches on the score.

The critics certified the success of Bruch’s labors, praising in particular the dramatic force of the choral passages and the adroit tone-painting of the music. Indeed, with this work Bruch pulled every stop in his compositional arsenal. Besides typically melodious passages, there are sections of contrapuntal artifice and distant modulations. Nor did he fail to indulge his fondness for folk music: the movement Holder Friede even quotes four bars of the famous Christmas carol, Silent Night.

All in all, Bruch’s Glocke consists of two parts and a total of twenty-seven numbers. Even if several follow without a break, the numbers invariably fall into the traditional categories of recitative, arioso, ensemble, and chorus.
Bruch himself was certain that he had set new standards with this work. An oratorio on the same subject by Bernhard Scholz, his predecessor as conductor of the Breslau Orchestra, prompted these words from him in a letter of 1887 to Simrock: «Schiller’s poem is, to be sure, in public domain, and hence fair game for musicians; and anyone can set it, for it cannot defend itself. Before me there were such minor figures as Romberg, Nicolai, and their ilk; but now my music for Die Glocke has been in existence for years ... It is, I feel, safe to say that I have given musical form to Schiller’s poem for many years to come. It therefore takes an unusual degree of hubris, impudence, and self-deception to attack me on my native ground as Herr Scholz has done.»

In view of the fact that Bruch’s entire oratorio output has virtually fallen into total oblivion, such an outburst may be greeted with a smile. Bruch’s Glocke is more likely to be performed today in honor of the great poet (as frequently happened during the Schiller Bicentennial in 2006) than in memory of its composer. Unlike Bruch’s instrumental music, however, the reasons are to be found not solely in the music, but also in the fact that secular oratorios are given short shrift altogether by today’s musical industry. Bruch had placed his bets on a musical model that was about to be «phased out.» Our study score is intended to give readers and listeners of this music a chance to swim against this music-historical current.

Translation: Bradford Robinson, 2005

For performance material please contact the publisher Benjamin Muiskverlage, Hamburg. Reprint of a copy from the Max Bruch Archiv im Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln.