AlbŽric Magnard

(geb. Paris, 9. Juni 1865 — gest. Baron, Oise, 3. September 1914)

 

Quatuor ˆ cordes en mi mineur op. 16

(1902-03)

 

I Sonate. AnimŽ (p. 1) – Large – Premier mouvement (p. 3) – Large (p. 15) –

Premier mouvement (p. 16) – En augmentant (p. 20) –

Premier mouvement (p. 21) – Large (p. 22)

II SŽrŽnade. Vif (p. 23)

III Chant funbre. Largement sans lenteur (p. 39)

IV Danses. Vif, populaire (p. 55) – En animant (p. 57) – En passionant – En calmant  – Trs animŽ (p. 59) – Mouvement de valse (p. 62) – En animant (p. 63) –

Premier mouvement (p. 65) – Trs vif (p. 70) – CŽdez – Rigoureux – CŽdez – Rigoureux (p. 72)

 

 

 

Vorwort

Als Sohn von Francis Magnard (1837-94), Herausgeber des âFigaroÕ, war fŸr Lucien Denis Gabriel AlbŽric Magnard eine solide berufliche Karriere vorgesehen, deren Grundlage ein Jurastudium (1884-87) bilden sollte. Doch 1886 reiste AlbŽric Magnard nach Bayreuth und begann im selben Jahr das Studium am Pariser Conservatoire, woran sich 1888-92 ein privates Kompositionsstudium bei Vincent dÕIndy (1851-1931) anschloss. Sein Opus 1, Trois pices pour piano, stammt von 1887-88, und noch im selben Jahr vollendete er sein erstes Orchesterwerk, die Suite dans le style ancien in g-moll op. 2. Als Opus 3 folgte sein erster Liederzyklus âSix pomes en musiqueÕ (1887-89), als Opus 4 1889-90 seine Erste Symphonie in c-moll, und als Opus 5 das Drama in einem Akt âYolandeÕ (1890-91) auf eigenen Text. Bevor er sich erstmals der Kammermusik zuwandte, entstanden die aus 7 StŸcken bestehenden âPromenadesÕ fŸr Klavier op. 7 (1893) und bereits die Zweite Symphonie in e-moll op. 6 (1892-94). Magnard ist vor allem als Komponist von Orchesterwerken bekannt geworden, insbesondere mit seinen vier Symphonien als – neben seinen Zeitgenossen Albert Roussel und Charles Tournemire – einer der bedeutendsten Symphoniker Frankreichs (die Dritte Symphonie in b-moll op. 11 entstand 1895-96, die spŠte Vierte Symphonie in cis-moll op. 21 1912-13). Er schuf auch zwei mysterienspielartige Opern auf eigene Libretti: die beiden dreiaktigen Tragšdien âGuercÏurÕ op. 12 (1897-1901) und âBŽrŽniceÕ op. 19 (1905-08). Alle seine Symphonien und auch die meisten seiner Kammermusikwerke stehen in Moll-Tonarten, und der Bevorzugung der dunklen Seite des menschlichen Ausdrucks entspricht auch sein dramatisches Lebensende, hielt er es doch tatsŠchlich fŸr angemessen, nachdem sein Antrag, im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger zu dienen, abgelehnt worden war, aus seinem Haus im Dorf Baron im DŽpartement Oise auf eine berittenen deutsche Einheit zu schie§en, worauf sein Anwesen bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurde. Ob er erschossen wurde oder im Feuer umkam, ist ungeklŠrt.

Sein erstes Kammermusikwerk, das Quintett fŸr Flšte, Oboe, Klarinette, Fagott und Klavier in d-moll op. 8, schrieb Magnard 1894. Dann verlegte er sich wieder aufs Orchester und komponierte im Vorfeld seiner Dritten Symphonie den Chant funbre op. 9 und die Ouverture op. 10 (beide 1895). Die Jahre 1897-1901 waren komplett der Fertigstellung seiner ersten Oper gewidmet. Als erstes entstand unmittelbar danach recht zŸgig die Sonate fŸr Violine und Klavier in G-Dur op. 13 (1901), gefolgt von der âHymne ˆ la justiceÕ fŸr Orchester op. 14 (1901-02) und den Quatre pomes en musique fŸr Bariton und Klavier op. 15 (1902). Mit dem gro§en Streichquartett in e-moll op. 16 schrieb Magnard ein ganzes Jahr (September 1902-September 1903) an seinem vielleicht bedeutendsten Kammermusikwerk, dem er die âHymne ˆ VŽnusÕ fŸr Orchester op. 17 (1903-04) folgen lie§. Dem Streichquartett ebenbŸrtig erscheint das Klaviertrio op. 18 in f-moll (1904-05). Die nŠchsten vier Jahre waren exklusiv der Entstehung der zweiten Oper gewidmet. Danach komponierte Magnard sein letztes Kammermusikwerk, die Sonate fŸr Cello und Klavier in A-Dur op. 20 (1909-1910), sein letztes Orchesterwerk, die Vierte Symphonie, und seinen letzten Liedzyklus, die âDouze pomes en musiqueÕ op. 22 (1913-14).

 

Das kammermusikalische Gesamtwerk von Magnard umfasst also lediglich fŸnf von nicht mehr als 22 Werken (hinzu kommt lediglich noch ein nicht mit Opuszahl versehenes Lied von 1890-91: âË HenrietteÕ, geschrieben fŸr âLe Figaro musicalÕ), doch sind diese Werke von umso substanziellerem, gewichtigerem Kaliber, und – im Gegensatz zu seinem symphonischen Schaffen – wird  keine Gattung wiederholt bedacht: das Quintett fŸr BlŠser und Klavier op. 8, die Violinsonate op. 13, das Streichquartett op. 16, das Klaviertrio op. 18 und die Cellosonate op. 20.

 

Das Streichquartett op. 16 begann Magnard als zentrales Werk jener Jahre im September 1902 und vollendete es am 10. September 1903. UraufgefŸhrt wurde es am 19. MŠrz 1904 in einem Konzert der SociŽtŽ nationale in der Salle Pleyel zu Paris durch das Quatuor Zimmer de Bruxelles (Albert Zimmer [1874-1940]; F. Doehaerd; LŽon van Hout; ƒmile Doehaerd). Parallel erschien es mit Widmung an Raymond dÕAbzac im Magnards Eigenverlag im Druck. Zweifellos ist es die ambitionierteste und komplexeste kammermusikalische Schšpfung Magnards, in welcher er bestrebt war, eine wŸrdige FortfŸhrung dessen zu manifestieren, was Beethoven mit seinen spŠten Quartetten als zeitloses VermŠchtnis hinterlassen hat. Der Kopfsatz ist Šu§erst verdichtet komponiert, das lyrische zweite Thema von immenser Spannweite, was Harry Halbreich zum Vergleich mit Bruckner anregte, denn ães gibt kein anderes €quivalentÒ. Nach diesem die KorrelationsfŠhigkeit sehr herausfordernden ersten Satz, geradezu einem Prototypen avanciertester Sonatenform in FortfŸhrung der gro§en Klassiker, wirkt die relative Harmlosigkeit des âSŽrŽnadeÕ betitelten, humorvoll beweglichen Scherzos dramaturgisch besonders sinfŠllig, bevor der âChant funbreÕ angestimmt wird, welcher zu Magnard innigsten und sublimsten Schšpfungen zŠhlt. Wie immer wieder in grš§eren SŠtzen schafft er eine Form, die in drei Phasen die Themen einem Verwandlungs- und †berhšhungsprozess unterwirft. Nach dem elysischen Ende des âChant funbreÕ holt das rustikal tŠnzerische Finale den Hšrer zurŸck auf den Boden, wo er einer verschlungen abenteuerlichen, unvorhersehbaren Dynamik organischer Formung ausgesetzt wird, auf der Grundlage einer Thematik, die Halbrecih sehr treffend als ãimaginŠre FolkloreÒ beschrieb. Magnards Streichquartett zŠhlt zu den stŠrksten Werken der âKšnigsgattungÕ der Kammermusik in seiner Zeit, und es steht zu hoffen, dass es kŸnftig hŠufiger von hervorragenden Quartetten aufgefŸhrt wird und so allmŠhlich ins kollektive Bewusstsein der Kammermusikkenner Einzug hŠlt.

 

 

Christoph SchlŸren, Mai 2015

 

 

 

 

AlbŽric Magnard

(b. Paris, 9 June 1865 — d. Baron, Oise, 3 September 1914)

 

Quatuor ˆ cordes en mi mineur op. 16

(1902-03)

 

 

I Sonate. AnimŽ (p. 1) – Large – Premier mouvement (p. 3) – Large (p. 15) –

Premier mouvement (p. 16) – En augmentant (p. 20) –

Premier mouvement (p. 21) – Large (p. 22)

II SŽrŽnade. Vif (p. 23)

III Chant funbre. Largement sans lenteur (p. 39)

IV Danses. Vif, populaire (p. 55) – En animant (p. 57) – En passionant – En calmant  – Trs animŽ (p. 59) – Mouvement de valse (p. 62) – En animant (p. 63) –

Premier mouvement (p. 65) – Trs vif (p. 70) – CŽdez – Rigoureux – CŽdez – Rigoureux (p. 72)

 

 

 

Preface

Being the son of Francis Magnard (1837-1894), the editor of Le Figaro, Lucien Denis Gabriel AlbŽric Magnard was initially destined for a solid professional career, to which end he studied law from 1884 to 1887. But in 1886 he visited to Bayreuth, and in the same year he enrolled at the Paris Conservatoire, followed by private lessons in composition from 1882 to 1892 with Vincent dÕIndy (1851-1931). His opus 1, Trois pices pour piano, and his first orchestral work, Suite dans le style ancien in G minor (op. 2), both date from 1887-88. They were followed by his first song cycle, Six pomes en musique, op. 3 (1887-89), his First Symphony in C minor, op. 4 (1889-90), and a one-act drama Yolande, op. 5 (1890-91), for which he wrote his own libretto. Before turning to chamber music he produced a set of seven piano pieces entitled Promenades, op. 7 (1893), and his Second Symphony in E minor, op. 6 (1892-94). He is best known for his orchestral music, especially the four symphonies, which placed him alongside his contemporaries Albert Roussel and Charles Tournemire among FranceÕs leading symphonists (the Third, in B-flat minor, op. 11, was written in 1895-96, the late Fourth, in C-sharp minor, op. 21, in 1912-13). He also created two operas on his own librettos in the style of medieval mystery plays: the three-act tragedies GuercÏur, op. 12 (1897-1901), and BŽrŽnice, op. 19 (1905-08). All of his symphonies and most of his chamber music were written in minor keys, revealing a predilection for the dark side of human expression. The same predilection is reflected in his dramatic death: having been rejected for volunteer military service in the First World War, he actually thought it appropriate to open fire on a German cavalry unit from his house in the village of Baron (DŽpartement Oise), after which the building was burnt to the ground. It is not known whether he was shot or perished in the flames.

 

MagnardÕs first piece of chamber music, the Quintet in D minor for flute, oboe, clarinet, bassoon, and piano (op. 8), originated in 1894. The following year he returned to the orchestra, composing Chant funbre (op. 9) and Ouverture (op. 10) in preparation for his Third Symphony. The years from 1897 to 1901 were devoted entirely to the completion of his first opera. Immediately thereafter he quickly wrote the Sonata in G major for violin and piano, op. 13 (1901), followed by Hymne ˆ la justice for orchestra, op. 14 (1901-02) and Quatre pomes en musique for baritone and piano, op. 15 (1902). He spent a full year composing what is perhaps his most important piece of chamber music, the great String Quartet in E minor, op. 16 (September 1902-September 1903), followed by Hymne ˆ VŽnus for orchestra, op. 17 (1903-04). On a par with the String Quartet is the Piano Trio in the same key, op. 18 (1904-05). The next four years were devoted exclusively to the creation of his second opera. He then composed his final piece of chamber music, the present Sonata in A major for cello and piano, op. 20 (1909-11); his final orchestral work, the Fourth Symphony; and his final song cycle, Douze pomes en musique, op. 22 (1913-14).

MagnardÕs output of chamber music thus includes no more than five of his twenty-two works, to which should be added a song of 1890-91 without opus number (Ë Henriette, written for Le Figaro musical). But these works are all the more substantial and momentous in their stature. Moreover, unlike his symphonic output, no genre is represented by more than a single work: wind quintet (op. 8), violin sonata (op. 8), string quartet (op. 16), piano trio (op. 18), and cello sonata (op. 20).

 

The central work of these years, the String Quartet, was begun in September 1902 and finished on 10 September 1903. It received its premire at a SociŽtŽ Nationale concert on 19 March 1904, when it was performed in the Salle Pleyel, Paris, by the Quatuor Zimmer de Bruxelles, consisting of Albert Zimmer (1874-1940), F. Doehaerd, LŽon van Hout, and ƒmile Doehaerd. At the same time it appeared in a self-published printed edition with a dedication to Raymond dÕAbzac. The Quartet is unquestionably the most ambitious and complex of MagnardÕs works for chamber ensemble. Here he was intent on furthering the timeless legacy that Beethoven had bequeathed posterity in his late quartets. The opening movement is extremely compressed, its lyrical second theme being of an immense breadth that prompted Harry Halbreich to draw comparisons with Bruckner (Òthere is no other equivalentÓ). This movement, virtually a paragon of advanced sonata form in the wake of the great classics, places severe demands on the performersÕ ability to draw connections. It also brings out, with dramaturgic purpose, the relative harmlessness of the following scherzo, a humorous and agile movement entitled SŽrŽnade. Then comes the Chant funbre, one of MagnardÕs most intimate and sublime creations. As repeatedly in his large-scale movements, he fashions a formal design that subjects the themes to a process of transformation and exaltation in three stages. After the mood of the Chant funbre, the rustic dance-like finale brings listeners back down to earth, where they are treated to the convoluted and adventurous dynamism of an organic formation based on themes that Halbreich aptly describes as Òimaginary folklore.Ó MagnardÕs String Quartet is one of the mightiest works of its day in the Òroyal genreÓ of chamber music; and we can only hope that it will be performed more frequently by leading quartets and gradually take hold in the collective conscious of chamber music connoisseurs.

 

 

Translation:Bradford Robinson