< back to overview Repertoire & Opera Explorer

 

Joseph Haydn - Konzert in A für Violine und Orchester, Hob. VIIa: 3 'Melker Konzert'

(geb. Rohrau , 31. März oder 1. April 1732 – gest. Wien, 31. Mai 1809 in Wien)

Vorwort
Ungefähr 1765 begann Joseph Haydn, Mitte dreißig Jahre alt, seinen sogenannten "Entwurf-Katalog". Darin hielt er nicht etwa, wie der Titel erwarten ließe, Skizzenhaftes und Projektiertes fest, sondern verzeichnete, nach Genres geordnet, seine fertiggestellten Kompositionen. Die Motivation für ein solches Werkverzeichnis war nicht nur der Stolz auf die eigene Arbeit, sondern ein für Haydn ganz untypisches Ereignis, nämlich ein Verweis. Seit 1761 stand Haydn als Kapellmeister im Dienst von Paul Anton Esterházy, der 1762 starb. Sein Bruder Nikolaus, der ihm nachfolgte, ist derjenige, an den man heute bei der Nennung des Namens Esterházy denkt.

Die ersten Jahre seiner Tätigkeit stand Haydn dem Dienstrang nach unter seinem Vorgänger Gregor Joseph Werner. Werner, den der fast vierzig Jahre jüngere Haydn zunehmend an den Rand zu drängen schien, verfasste kurz vor seinem Tod 1766 einen Brief an den Fürsten, in dem er seinem Nachfolger eine Reihe von Nachlässigkeiten in der Ausführung seiner Dienstpflichten vorwarf. Der Fürst erteilte den von Werner wohl intendierten Verweis und empfahl dem Kapellmeister Haydn in einem eigenen Zusatz, er möge "sich selbsten embsiger alß bißhero auf die Compositionen zu legen, und besonders solche stücken, die man auf der Gamba spiellen mag" zu verfassen. Mit dem Namen "Gamba" ist das Streichinstrument gemeint, das der Fürst selbst spielte, das heute nicht mehr gebräuchliche Baryton, für das Haydn in den nächsten Jahren denn auch eine stattliche Anzahl von Werken schreiben wird. Im Entwurf-Katalog beginnt der gerügte Komponist, seine schöpferische Arbeit zu dokumentieren.

Das Wort "Entwurf" bezeichnet nach dem "Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart" von Johann Christoph Adelung "die Abbildung, die Anordnung der wesentlichen Theile eines künftigen Ganzen", zum Beispiel den "Entwurf eines Gemähldes, eines Gebäudes, einer Predigt, eines Gedichtes, eines Briefes u. s. f.". Demnach könnte Haydns Katalog, den er mit Ausnahme einiger Einträge in fremder Hand handschriftlich selbst fortdauernd, wenn auch wenig systematisch, aktualisierte, selbst als Vorarbeit zu einem späteren, offiziellen Werkverzeichnis gedacht gewesen sein. Einen Verweis erhielt der arbeitsame Haydn zeit seines Lebens nicht mehr; der Entwurf-Katalog aber, auch wenn er durch einen unzutreffenden Vorwurf motiviert worden war, erwies sich später als unschätzbar wertvoll, als 1907 unter der Leitung von Eusebius Mandyczewski die Vorarbeiten zu einer geplanten Gesamtausgabe der Werke Joseph Haydns begannen – endlich begannen, muss man sagen, denn zu diesem Zeitpunkt lagen vergleichbare Editionen der Werke Johann Sebastian Bachs, Wolfgang Amadeus Mozarts und Ludwig van Beethovens bereits vor.

Eine immense Schwierigkeit, mit der sich die ersten Herausgeber konfrontiert sahen, war, die authentischen Werke Joseph Haydns von den unechten, aber auch von den "dubiosen", also jenen, bei denen seine Urheberschaft nicht feststand oder begründet in Zweifel zu ziehen war, zu trennen. Diese Aufgabe war durchaus anspruchsvoll, weil im 18. und auch noch im 19. Jahrhundert seine beträchtliche europaweite Reputation findige Verleger dazu verführte, die Attraktivität von Werken unbekannterer Komponisten dadurch zu steigern, dass man sie Haydn unterschob.

Von den insgesamt elf Violinkonzerten, die unter seinem Namen überliefert sind, lässt sich nur für zwei beweisen, dass sie auch tatsächlich aus Haydns Feder stammen, nämlich für die Konzerte C-Dur Hob. VIIa: 1 und A-Dur Hob. VIIa: 3: Sie wurden vom Komponisten selbst in den Entwurf-Katalog eingetragen und sind mit dem Incipit des jeweiligen ersten Themas zweifelsfrei zu identifizieren; zusätzlich werden sie im sogenannten "Haydn-Verzeichnis" aufgeführt, das Haydns ständiger Kopist Johann Elssler 1805, vier Jahre vor dem Tod des Komponisten, unter dessen Aufsicht anfertigte. Das dritte der erhaltenen Violinkonzerte, bei dem die Autorschaft Joseph Haydns als gesichert gilt, ist dasjenige in G-Dur Hob. VIIa: 4; ein weiteres authentisches Violinkonzert in D-Dur Hob. VIIa: 2, zu welchem Haydn das aus punktierten Tonwiederholungen und nach oben schießenden Tonleitern bestehende Hauptthema im Entwurf-Katalog notierte, ist verschollen. Alle anderen außer dieser drei Violinkonzerte zuzüglich dem bislang noch vermissten, die Joseph Haydns Namen als Autor tragen, sind tatsächlich von anderen Komponisten wie Carl Stamitz, Christian Cannabich, Ignaz Pleyel oder Michael Haydn, dem mindestens zwei, möglicherweise auch noch mehrere der mit seinem älteren Bruder Joseph in Verbindung gebrachten Violinkonzerte zuzuschreiben sind.

Von keinem der drei verbleibenden Violinkonzerte Joseph Haydns sind die autographen Partituren erhalten geblieben. Für die Datierung ist wiederum der Entwurf-Katalog entscheidend. Unter anderem aufgrund von Papier- und Wasserzeichen-Analysen konnte der dänische Musikwissenschaftler Jens Peter Larsen, einer der Pioniere der modernen Haydn-Forschung, ungefähr bestimmen, aus welchen Zeiträumen die einzelnen Bestandteile des von ihm 1941 erstmals faksimiliert herausgegebenen Entwurf-Katalogs stammen. Demnach dürften die beiden Violinkonzerte C-Dur und D-Dur, das verloren gegangene, um 1765 verzeichnet worden sein, das in A-Dur etwas später, wahrscheinlich aber noch in den späten 1760er Jahren. Somit fallen alle Violinkonzerte in die ersten Jahre von Haydns Zeit als Kapellmeister in Eisenstadt, zusammen etwa mit dem frühen Violoncellokonzert C-Dur, dem Hornkonzert D-Dur und den ersten Symphonien vor der sogenannten "Sturm und Drang"-Zeit, von denen etwa die Symphonie Nr. 22 Es-Dur "Der Philosoph" etwas bekannter geworden ist.

Für das Violinkonzert A-Dur ist die früheste Quelle eine Abschrift aus der Benediktiner-Abtei Melk, wodurch sich auch der Beiname "Melker" Konzert erklärt, der jedoch nicht auf Haydn zurückgeht. Ebenfalls nicht original sind die Oboen- und Hörnerstimmen, die in dieser Kopie von fremder Hand hinzugefügt wurden. Im Katalog des Verlags Breitkopf aus dem Jahr 1771 ist das Violinkonzert A-Dur zudem fälschlicherweise für Violoncello ausgewiesen, ein Fehler, den dann Francois Joseph Fétis in seiner "Biographie universelle des Musicens" (Band IV, Paris 1883) übernimmt. Erst Mitte der 1960er Jahre wurde eine weitere Kopie des Werkes in Venedig entdeckt (heute im Bestand der Biblioteca del Liceo Musicale "Benedetto Marcello").

Dieser Fundort ist insofern bemerkenswert, als der Geiger, für den Haydn wahrscheinlich alle seine Violinkonzerte schrieb, in Venedig seine Ausbildung genossen hatte. Luigi Tomasini (1741 – 1808) war 1761, als Haydn in den Dienst der Esterházys trat, bereits Mitglied des Orchesters, dessen Konzertmeister er bald darauf wurde. Als Musiker schätzte Haydn den jüngeren Kollegen sehr: "So wie du", bescheinigte er ihm, "spielt mir Niemand meine Quartette zu Dank"; auch scheint er sich mit Tomasini so gut verstanden zu haben, dass er das Violinkonzert C-Dur im Entwurf-Katalog mit dem Zusatz "fatto per il luigi" versah, geschrieben "für den Luigi".

Haydn war aber auch selbst ein tüchtiger Geiger. Laut eigenen Angaben konnte er zwar auf keinem Instrument als "ein Hexenmeister" bezeichnet werden, kannte aber "die Kraft und Wirkung aller": "Ich war kein schlechter Clavierspieler und Sänger und konnte auch ein Concert auf der Violine vortragen". Seine Instrumentenkenntnis bemerkt man nicht nur an der Sicherheit, mit der er technisches Virtuosenwerk bis hin zum zweistimmigen Spiel einsetzt. Bereits die Idee des Hauptthema des Kopfsatzes "Moderato" ist gleichsam aus der Bauart der Geige deriviert: Gesetzt wird ein harscher, leerer Dreiklang auf a – e – a, der erst auf dem zweiten Schlag durch die Dur-Terz cis gleichsam abgesättigt wird; auch der Einsatz der Reprise nach einer Durchführung, die sich auffällig lange in Molltonarten aufhält, ist mit dem leeren Quintakkord gestaltet, den nun aber nicht das Tutti spielt, sondern die Solovioline allein. Das Adagio D-Dur könnte in dieser Gestalt auch in einer der Symphonien der Zeit stehen, zumal Haydn auch etwa in den drei thematisch zusammengehörenden Symphonien Nr. 6 D-Dur "Le Matin", Nr. 7 C-Dur "Le Midi" und Nr. 8 G-Dur "Le Soir" ausgedehnte und virtuose Violinsoli schreibt. Das Final-"Allegro" erinnert in der Durchführung nicht nur an die tonartlichen Abdunklungseffekte des Kopfsatzes, sondern greift auch wieder das subtile Spiel auf, offene leere Dreiklänge erst nachträglich durch die Dur- oder Moll-Terz zu ergänzen und somit ambivalent zu halten.

Prof. Dr. Michael Bastian Weiß, München

Aufführungsmaterial ist von Henle, München, zu beziehen.



 

Joseph Haydn - Concerto in A for violin and orchestra, Hob. VIIa: 3 'Melk Concerto'

(b. Rohrau , 31 March or 1 April 1732 – d. Vienna, 31 May 1809 in Vienna)



Preface
Around 1765, Joseph Haydn, in his mid-thirties, began his so-called Entwurf-Katalog ("Draft Catalogue"). Contrary to what the title might suggest, it did not contain sketches or planned works, but rather listed his completed compositions, organized by genre. The motivation for such a catalogue was not merely pride in his own work, but rather a highly uncharacteristic event in Haydn's life: a reprimand. Since 1761, Haydn had served as Kapellmeister (music director) in the employ of Paul Anton Esterházy, who died in 1762. He was succeeded by his brother Nikolaus, who is today the more commonly associated figure when the name Esterházy is mentioned.

Haydn spent the first years of his career under his predecessor Gregor Joseph Werner. Werner, who seemed to be increasingly marginalised by the almost forty years younger Haydn, wrote a letter to the prince shortly before his death in 1766 in which he accused his successor of a series of negligence in the performance of his official duties. The Prince issued the reprimand that Werner had probably intended and recommended to the Kapellmeister Haydn in a separate addendum that he should "devote himself more than before to compositions, and especially to pieces that can be played on the gamba". The name "gamba" refers to the string instrument that the prince himself played, the baryton, which is no longer in use today and for which Haydn would write a considerable number of works over the next few years. In the draft catalogue, the reprimanded composer begins to document his creative work.

According to Johann Christoph Adelung's "Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart", the word "Entwurf" means "the illustration, the arrangement of the essential parts of a future whole", for example the "draft of a painting, a building, a sermon, a poem, a letter, etc.". Accordingly, Haydn's catalogue, which, with the exception of a few entries in another's hand, he continually updated in person, albeit not very systematically, could itself have been intended as preparatory work for a later, official catalogue raisonné. The industrious Haydn never again received a reprimand during his lifetime; however, the draft catalogue, even if it had been motivated by an inaccurate accusation, later proved to be invaluable when in 1907, under the direction of Eusebius Man-dyczewski, the preparatory work for a planned complete edition of Joseph Haydn's works began - finally began, it must be said, because at that time comparable editions of the works of Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart and Ludwig van Beethoven were already available.

It was one huge difficulty faced by the first publishers to separate the authentic works of Joseph Haydn from the inauthentic ones, but also from the "dubious" ones, those for which his authorship was not certain or could be reasonably doubted. This task was quite challenging, because in the 18th and 19th centuries his considerable reputation throughout Europe tempted clever publishers to increase the appeal of works by lesser-known composers by attributing them to Haydn.

Of the eleven violin concertos that have come down to us under his name, only two can be proven to have actually been written by Haydn, namely the concertos in C major Hob. VIIa: 1 and A major Hob. VIIa: 3. They were entered into the draft catalogue by the composer himself and can be identified beyond doubt by the incipit of the first theme; they are also listed in the so-called "Haydn Catalogue", which Haydn's permanent copyist Johann Elssler prepared under the composer's supervision in 1805, four years before his death. The third of the surviving violin concertos for which Joseph Haydn's authorship is considered certain is the one in G major Hob. VIIa: 4; another authentic violin concerto in D major Hob. VIIa: 2, for which Haydn notated the main theme consisting of dotted note repetitions and upward-shooting scales in the draft catalogue, is lost. All other violin concertos apart from these three, plus the one still missing, which bear Joseph Haydn's name as author, are in fact by other composers such as Carl Stamitz, Christian Cannabich, Ignaz Pleyel or Michael Haydn, to whom at least two, and possibly several more, of the violin concertos associated with his elder brother Joseph can be attributed.

The autograph parts of none of Joseph Haydn's three remaining violin concertos have survived. The draft catalogue is again decisive for the dating. The Danish musicologist Jens Peter Larsen, one of the pioneers of modern Haydn research, was able to determine the approximate dates of the individual parts of the draft catalogue, which he first published in facsimile in 1941, by analysing the paper and watermarks. Accordingly, the two violin concertos in C major and D major, the lost one, were probably recorded around 1765, the one in A major somewhat later, but probably still in the late 1760s. All the violin concertos therefore date from the first years of Haydn's time as Kapellmeister in Eisenstadt, together with the early Violoncello Concerto in C major, the Horn Concerto in D major and the first symphonies before the so-called "Sturm und Drang" period, of which Symphony No. 22 in E flat major "The Philosopher" has become somewhat better known.

The earliest source for the Violin Concerto in A major is a copy from the Benedictine Abbey of Melk, which also explains the byname "Melk" concerto, although this does not go back to Haydn. The oboe and horn parts are also not original and were added in this copy by a different hand. In the catalogue published by Breitkopf in 1771, the Violin Concerto in A major is also incorrectly listed for violoncello, an error that Francois Joseph Fétis then adopted in his "Biographie universelle des Musicens" (Volume IV, Paris 1883). It was not until the mid-1960s that another copy of the work was discovered in Venice (now in the holdings of the Biblioteca del Liceo Musicale "Benedetto Marcello").
This place of finding is remarkable in that the violinist for whom Haydn probably wrote all his violin concertos had received his training in Venice. Luigi Tomasini (1741 - 1808) was already a member of the orchestra when Haydn joined the Esterházys in 1761, and he soon became its concertmaster. As a musician, Haydn held his younger colleague in high esteem: "Nobody plays my quartets for me like you", he attested; he also seems to have got on so well with Tomasini that he added the words "fatto per il luigi", written "for Luigi", to the violin concerto in C major in the draft catalogue.

Haydn was also a talented violinist himself. According to his own statements, although he could not be described as "a wizard" on any instrument, the "the power and effect of all of them" were well known to him: "I was not a bad piano player and singer and could also perform a concerto on the violin", he writes. His knowledge of the instrument is not only evident in the confidence with which he utilises technical virtuosity up to two-part playing. Even the idea of the main theme of the first movement, "Moderato", is derived from the construction of the violin: A harsh open triad is set on a - e - a, which is only saturated on the second beat by the major third c sharp; the recapitulation's entry after a development section, which stays in minor keys for a conspicuously long time, is also designed with the open fifth chord, which is not played by the tutti but by the solo violin alone. The Adagio in D major could also be found in this form in one of the symphonies of the time, especially as Haydn also writes extended and virtuoso violin solos in the three thematically related symphonies No. 6 in D major "Le Matin", No. 7 in C major "Le Midi" and No. 8 in G major "Le Soir". The development section of the final "Allegro" is not only reminiscent of the darkening effects of the first movement, created by the particular modes, but also picks up on the subtle play of adding the major or minor third to open triads only afterwards and thus keeping them ambivalent.

Prof. Dr. Michael Bastian Weiß, Munich

Performance material is available from Henle, Munich.


 

< back to overview Repertoire & Opera Explorer