Szymanowski, Karol 

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Szymanowski, Karol 

Songs of the Infatuated Muezzin, Op. 42

Art.-Nr.: 1818 Kategorie:

20,00 

Karol Szymanowski

Lieder des verliebten Muezzin, op. 42

(geb. Tymoszówka, 6. Oktober 1882 – gest. Lausanne, 29. März 1937)

Karol Szymanowski wurde im ukrainischen Tymoszówka nahe Kiew auf einem Familienanwesen geboren, welches auf die Zeit der Teilung Polens zurückgeht. Seine früheste musikalische Ausbildung erhielt er zu Hause und später an einer Musikschule in einem nahe gelegenen Ort. 1901 zog Szymanowski nach Warschau, um seine Musikstudien durch privaten Unterricht in Harmonielehre, Kontrapunkt und Komposition bei führenden, wenngleich konservativen, polnischen Musikern fortzuführen: bei Marek Zawirski, einem Professor am Warschauer Musikinstitut und beim Komponisten Zygmunt Noskowski. Szymanowski war an jeglicher bahnbrechend neuen Musik interessiert, und schnell begeisterte ihn die Neue Deutsche Schule von Wagner und Strauss. Da seine Lehrer ebenso wie das Management des neugegründeten Warschauer Philharmonischen Orchesters seine Begeisterung nicht teilten, half sich Szymanowski selbst, indem er die Gruppe Junges Polen in der Musik ins Leben rief. Als Gegenentwurf zum damals herrschenden konservativen Kulturestablishment engagierte sich jedes einzelne Mitglied – Szymanowski, Fitelberg, Róźycki und Szeluto – bei der Verbreitung der progressiven Musiktrends in der polnischen Musik. Obgleich der Gruppe nur ein kurzes Bestehen beschert war, hatte sie einen reichen Patron in Prinz Władysław Lubomirski, der Szymanowskis früher Musik half, sowohl in Polen als auch in Deutschland veröffentlicht und aufgeführt zu werden. 1906 präsentierte Prinz Lubomirski ein Konzert mit Kompositionen der Gruppe Junges Polen einschließlich Szymanowskis Konzertouvertüre für Orchester. Das Programm wurde in Warschau wie auch in Berlin aufgeführt und erwies sich als großer Erfolg bei Hörern und Kritikern.

In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg war Szymanowski viel auf Reisen, besonders nach Paris, Sizilien und Nordafrika. Für längere Zeit ließ er sich zwischen 1911 und 1912 in Wien nieder. Während des Krieges kehrte er nach Tymoszówka zurück und vertiefte sich in ein Studium des antiken Griechenlands und der arabischen Kultur, das inspiriert wurde durch seine Reisen in die Mittelmeerregion. Hier komponierte er außerdem sein erstes Violinkonzert (1916) und die dritte Symphonie „Lied von der Nacht“ (1914-16). Die russische Revolution von 1917 jedoch zwang ihn, in die Ukraine zu fliehen. Das Familienanwesen in Tymoszówka wurde zerstört. Für den Rest seines Lebens sollte Szymanowski kein dauerhaftes Heim mehr finden, die Gewalttätigkeit des Ersten Weltkrieges wie auch der Revolution erschütterten seinen Glauben in die Bedeutung der Kunst als einer ästhetischen Flucht aus der Welt. Nach dem Krieg komponierte Szymanowski keine Musik, schrieb dafür einen Roman, Der Ephebe, welchen er 1919 fertigstellte. Nur Fragmente sind erhalten, doch diese haben mit seiner Oper Król Roger (König Roger, fertiggestellt 1924) das Thema einer von allen sozialen Normen befreiten Liebe gemeinsam.

Einen Sinn in der Musik fand Szymanowski in den 1920ern wieder, als Polen seine Unabhängigkeit im Fahrwasser des Ersten Weltkriegs wiedererlangte. Der Komponist, zuvor ablehnend eingestellt gegenüber dem musikalischen Nationalismus und allgemein dem Gebrauch von Material aus der Volksmusik, begann für die Errichtung eines polnischen Nationalismus zu kämpfen, der jedoch den Provinzialismus vermeiden sollte, den er in seiner Jugend als so erdrückend empfunden hatte. Um solch einen begrenzten Fokus zu vermeiden, wünschte Szymanowski, dass seine Musik nach wie vor eine universelle Wirkung haben müsse . Sein Ballett Harnasie (1925), eine Fassung des Stabat Mater (1925-26) und das Zweite Violinkonzert (1932-33) waren die gewichtigsten Erzeugnisse dieser Bemühungen. Szymanowski erhielt 1927 die Einladung, Direktor der Warschauer Konservatoriums zu werden, doch verließ er das Institut bereits 1929 aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit dessen noch immer konservativer Leitung. Daraufhin wurde er 1930 als Rektor des Warschauer Musikinstituts berufen, wo er besser in der Lage war, seine hohen Ideale durch eine Lehrtätigkeit umzusetzen. Später aber, im Jahre 1932, nötigte man ihn, auch von dieser Position zurückzutreten.

Obwohl er 1929 an Tuberkulose litt und seine Gesundheit nur teilweise wiedererlangte, übernahm Szymanowski anstrengende Konzerttourneen während der frühen 1930er, um seine sinkenden Einnahmen aufzustocken. Er führte seine eigenen Klavierkompositionen ebenso wie die neu komponierte Symphonie concertante für Klavier und Orchester (1933) in ganz Europa auf, gipfelnd in einer Skandinavien-Tour im Jahre 1935. Im folgenden Jahr reiste Szymanowski nach Grasse in der französischen Riviera. Als seine Sekretärin, Leonia Gradstein, Anfang 1937 eintraf, kollabierte seine Gesundheit vollständig, und er wurde in Sanatorien in Cannes und Lausanne gebracht. Der Komponist erholte sich nicht mehr von seinem Zusammenbruch und starb am 29. März 1937.

Szymanowskis Musik kann grob in drei Stilperioden eingeteilt werden. Die erste Periode dauerte von seiner Zeit im Jungen Polen bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges. In diesem Zeitraum war Szymanowski stark beeinflusst durch die Musk von Richard Strauss. Szymanowskis Konzertouvertüre (1906) und Zweite Symphonie (1911) spiegelten exemplarisch Strauss‘ Kompositionstechniken durch den Gebrauch dichter chromatischer Texturen für ein großes Orchester mit weitreichendem, rhythmisch flexiblem melodischen Material wieder. Auf die gleiche Weise wurde Szymanowskis einaktige Oper Hagith (1913) nahe an Strauss‘ Salome modelliert. Anschliessend an Szymanowskis Reisen nach Sizilien und Nordafrika interessierten ihn jedoch die antiken Kulturen dieser Regionen, und er begann sein Studium der Kulturen der Mittelmeerregionen während dieser Zeit in Tymoszówka von 1914-1918. Diese Jahre umfassen seine zweite Stilperiode. Obgleich er keine griechischen oder arabischen Musikbezüge direkt in seine Musik einarbeitete, deutete er ihre Inspiration durch diskreten Gebrauch von „exotischen“ musikalischen Merkmalen an. Diese Merkmale schließen melodisches Rankenwerk und dekorative Elemente ein ebenso wie ostinierende Tanzrhythmen, repetitive Elemente und das Intervall der übermäßigen Sekunde. Debussy und Ravel, deren Musik Szymanowski Anfang 1914 in Paris gehört hatte, beeinflussten die Musik seiner zweiten Periode ebenso. Am offensichtlichsten tritt dieser Impressionismus in der zarten und verfeinerten Orchestration auf, ebenso in Passagen von farbenfroher, aber nicht-funktionaler Harmonik in ganztönigen und oktatonischen Skalen. Szymanowskis Kombination von französischen und exotischen Einflüssen wurden am beeindruckendsten in seiner dritten Symphonie, dem „Lied von der Nacht“, präsentiert ebenso wie in seinen Liederzyklen Liebeslieder von Hafiz Op. 26 (1914) und Lieder des verliebten Muezzin (1918, orchestriert 1934).

Die Musik aus Szymanowskis dritter Periode, von den Nachkriegsjahren bis hin zu seinem Tod, befasste sich schließlich mit dem polnischen Nationalismus. Dafür suchte er Inspiration in der Musik aus der Tatra, einem Gebirge in Südpolen. Die rhythmische Energie dieser Volksmusik beeinflusste sein Ballett Harnasie (1925) und das Zweite Violinkonzert (1932-3) und ist, wenngleich zurückhaltender, auch in der Sinfonie concertante präsent. Der Liedzyklus Słopiewnie (1921, orchestriert 1923-4) setzt ebenfalls melodische Techniken ein, die von den Volksliedern aus der Tatra abgeleitet sind, nebst einem höchst eigentümlichen Text voller Wortneuschöpfungen von Julian Tuwim.

Karol Szymanowski wurde schnell bekannt als führender polnischer Komponist des frühen zwanzigsten Jahrhunderts; ein Erfolg, den man als Beweis seiner universellen Wirkung sehen kann. Wenngleich äußerst patriotisch, beschränkte sich Szymanowski doch zu keiner Zeit lediglich auf „provinzielle“ Interessen. Durch die Kombination ungleicher Einflüsse schuf Szymanowski eine persönliche Sprache von ausgefeilter Schönheit. Trotz seiner stilistischen Perioden ist seine Musik von aufrichtigem, ästhetischem und emotionalem Ausdruck, sei es in Tanzrhythmen, wortlosen Arabesken oder der Intensität eines einzelnen, stimmungsvollen Akkords.

Die Ende 1918 komponierten Lieder eines verliebten Muezzin sind eine Vertonung einer Gedichtsammlung des polnischen Poeten Jarosław Iwaszkiewicz (1894-1980). Uraufgeführt wurde der Liedzyklus in seiner originalen Fassung für Stimme und Klavier am 17. Januar 1922 von Stanisława Korwin-Szymanowska (Sopran) und Edward Steinberger (Klavier). 1934 orchestrierte Szymanowski vier von sechs Liedern (das erste, vierte, fünfte und sechste), die hier nachgedruckt sind.

Die Lieder des verliebten Muezzin zählen zu den „exotischen“ Werken, welche von Szymanowskis Reisen nach Sizilien und Nordafrika beeinflusst sind. Auch der Poet Iwaszkiewicz geriet in den Bann des Exotismus und zeigte dies in seinem Werktitel: Ein Muezzin ist im Islam der Mann, dessen Aufgabe es ist, die Gläubigen fünf Mal täglich durch musikalische Rufe zum Gebet zu bitten. Der verliebte Muezzin jedoch vermischt die religiöse Hingabe mit seiner Sehnsucht nach einer ungenannten Geliebten. Seine Rufe zum Gebet huldigen seiner Geliebte ebenso wie Allah und behaupten, Allah habe sie zu dem Zweck geschaffen, den Muezzin zum Gebet zu inspirieren. Szymanowski war überwältigt von dieser Kombination aus himmlischer und erotischer Liebe und antwortete darauf mit einer Musik von ungewöhnlicher Intensität. Die Identitätsverschleierung zwischen dem heiligen und dem sinnlichen Objekt der Begierde ist ein oft verwendetes Thema in Szymanowskis Werk, es reicht von den Liebesliedern von Hafiz bis zur Dritten Symphonie und der Oper König Roger.

Wie in den anderen Werken schloss Szymanowski in den Liedern des verliebten Muezzin durchweg Anspielungen an arabische Musik ein. Die bekanntesten dieser Anspielungen sind improvisatorische Melismen der Singstimme. Diese Koloraturen sind keine bloße Dekoration, sondern zeichnen bestimmte emotionale Zustände aus. Die ausgedehnten Melismen, die das erste Lied eröffnen und beschließen, demonstrieren beispielsweise die Leidenschaft des Muezzin sowohl für Allah als auch für die Geliebte. Die Tatsache, dass Szymanowski diese nach islamischen Gebetsrufen modellierte, bestärkt nur die emotional aufgeladene Atmosphäre, welche sie schaffen. Im dritten Lied singt der Muezzin, als die Stadt schläft, einen zarten Refrain von „o olali“ auf improvisierte ornamentale Figuren. Im letzten Lied werden diese Figuren zu erregten Schreien der Verzweiflung, als die Geliebte zu den „westlichen Wüsten“ abreist, die der Muezzin nicht erreichen kann. Im Gegensatz zu den anderen Liedern ist das zweite rhythmisch aktiver. In ihm verwendet Szymanowski andere Stilisierungen mittelöstlicher Musik: Wiederholte Tanzrhythmen über einen Bordun, Melodien, welche deutlich das Intervall der übermäßigen Sekunde einbeziehen und die Besetzung für Oboe, Triangel, Pauken und Snare als Imitation von arabischen Instrumenten. In jedem Lied weben Solo-Holzbläser und Streichinstrumente ihre eigenen melismatischen Linien um den Sänger, erzeugen dabei eine Kombination aus struktureller Delikatesse, instrumentaler Farbe und emotionaler Intensität.

Lieder des verliebten Muezzin waren Szymanowskis dritter und letzter Liedzyklus auf „exotische“ Themen nach den Liebesliedern von Hafiz und Liedern einer Märchenprinzessin. Lediglich die Oper König Roger führt die Verschmelzung aus Exotismus und erotischer Spannung fort. In seinen späten Jahren wandte sich Szymanowski mehr der Musik zu, welche seinem nunmehr unabhängigen Heimatland Polen entstammte. Trotz allem, die Idee einer transzendentalen Verbindung zwischen göttlicher und menschlicher Liebe ermöglichte den Aufschwung zu einigen von Szymanowskis eigenständigsten, ausgefeiltesten und expressivsten Kompositionen. Die vier orchestralen Lieder des verliebten Muezzin gehören dabei zu seinen besten Schöpfungen.

Übersetzung: Oliver Fraenzke

Aufführungsmaterial ist von Universal Edition, Wien, zu beziehen. Nachdruck eines Exemplars der Musikbibliothek der Münchner Stadtbibliothek, München.

Partitur Nr.

1818

Edition

Repertoire Explorer

Genre

Chor/Stimme & Orchestra

Format

225 x 320 mm

Druck

Reprint

Seiten

57

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