Giuliani, Mauro

Concerto No. 2 for Guitar and Strings, Op. 36

23,00 

Mauro Giuliani

Konzert Nr. 2 op. 36 für Gitarre und Streicher
(1812)

(geb. Bisceglie, Provinz Bari, 27. Juli 1781 – gest. Neapel, 8. Mai 1829)

Vorwort
Mauro Giuliani, der 1781 in Bisceglie in Apulien im Süden Italiens geboren wurde, wuchs im nur 25 km entfernten Barletta auf. Beide Dörfer an der Adriaküste boten wenig musikalische Anregungen. Immerhin gab es in Barletta ein Theater und einen Saal, in denen Opern und Konzerte stattfanden. Giuliani lernte Violoncello und Gitarre und gab 1803 ein Konzert in Triest, fast 1000 km entfernt von seiner Heimatstadt an der heutigen slowenischen Grenze. Hier spielte er drei Werke: zunächst ein Konzert für eine 30-saitige Harfen-Gitarre, dann ein Cellokonzert. Nach der Pause folgte ein Konzert für die gerade entwickelte 6-saitige Gitarre. Interessant an diesem Konzert ist zweierlei: Erstens präsentierte sich Giuliani nicht nur als Gitarrist, wie wir ihn heute wahrnehmen, sondern auch als Cellist; zweitens muß er schon mit 22 Jahren zwei Solokonzerte für Gitarre und eines für Cello komponiert haben.

1806 zog Giuliani nach Wien in der Hoffnung, dort bessere künstlerische Entfaltungsmöglichkeiten zu haben. Schon ein Jahr später veröffentlichte er hier seine ersten Kompositionen und war als Gitarrist überaus erfolgreich, wie in der Leipziger Allgemeinen musikalischen Zeitung zu lesen ist: »Unter den hiesigen, sehr zahlreichen Guitarrespielern macht ein gewisser Giuliani durch seine Kompositionen für dies Instrument sowol, als durch sein Spiel, viel Glück, ja sogar grosses Aufsehen. Wirklich behandelt er die Guitarre mit einer seltenen Anmuth, Fertigkeit und Kraft.« In Wien blieb er bis 1819, komponierte bis op. 104, wurde 1810, wiederum in der Allgemeinen musikalischen Zeitung, als »vielleicht einer der größten jetzt lebenden Virtuosen auf der Guitarre bezeichnet«, konzertierte zusammen mit Ignaz Moscheles und Louis Spohr, war mit Johann Nepomuk Hummel sowie Ludwig van Beethoven persönlich bekannt und spielte 1813 als Cellist (oder Paukist) bei der Uraufführung von Beethovens Symphonie Nr. 7 mit. Aufgrund des abnehmenden Interesse an der Gitarre beim Wiener Publikum in den späten 1810er Jahren, das nun vor allem Klaviermusik hören wollte, sanken Giulianis Einnahmen aus Konzert und Unterricht drastisch. Der Kontakt zu den wohlhabenden Wiener Familien ging verloren. So verließ er Wien 1819 und ging über Prag nach Italien zurück. Nach einer Reise durch verschiedene Städte Norditaliens lebte er zunächst in Rom, wo er seine ersten drei (von insgesamt sechs) Rossiniane nach Themen aus Gioachino Rossinis Opern für Gitarre solo op. 119–121 veröffentlichte, die heute zu Giulianis populärsten Werken zählen. 1823 siedelte er nach Neapel über, wo er sechs Jahre später starb.

Fritz Buek hat sich 1926 in seinem Buch Die Gitarre und ihre Meister treffend zu allgemeinen Stilmerkmalen Giulianis geäußert, auch wenn er davon ausging, daß Giuliani Geiger und nicht Cellist war: »Giulianis Stil zeigt viel Persönliches; eine flüssige, melodische Linie ist ihm eigen, die oft zu orchestraler Wirkung gesteigert wird, wenngleich er nicht immer polyphon ist. Man merkt ihm an, daß er von der Geige kommt und daß er das nicht verleugnen kann. So sind auch Technik und Fingersatz mehr aufs Melodische als aufs Harmonische eingestellt, das heißt, es sind bei seiner Technik viele Eigenschaften von der Geige auf die Gitarre übertragen. Aber er bereicherte die Gitarre um eine ganze Reihe neuer Effekte und schuf alle seine Werke aus dem Wesen der Gitarre, so daß nichts ihr aufgezwungen erscheint.«

Unter Giulianis heute bekannten etwa 150 Kompositionen mit und etwa 70 ohne Opuszahl, alle ausschließlich für oder mit Gitarre, befinden sich drei Solokonzerte: Nr. 1 op. 30 (UA 1808, veröffentlicht 1810), Nr. 2 op. 36 (1812) und Nr. 3 op. 70 (ca. 1823), von denen heute hauptsächlich das erste gespielt wird. Ein viertes war als op. 129 (1827) geplant, der erste Satz war auch von Giuliani 1828 an seinen Verleger geschickt worden, aber es wurde nie veröffentlicht und ist heute verschollen. Die beiden frühen Konzerte von 1803 sind heute ebenfalls verschollen und wurden auch von Giuliani später nicht mehr erwähnt, der sein Konzert op. 36 als Second Grand Concerto bezeichnete und damit den Beginn seiner Gitarrenkonzerte auf op. 30 festsetzte.

Das zweite Konzert liegt in zwei verschiedenen Versionen vor: einmal für die ›normale‹ Gitarre, die Primgitarre, veröffentlicht 1812 für »2 Violons, Alto et Violoncelle«. Jedoch ist der Kontrabaß in der Cellostimme mit enthalten, so daß man die Orchesterbesetzung als ›mit Streichern‹ bezeichnen kann. Das ist die Besetzung der vorliegenden Fassung, die 1959 von dem Gitarristen Bruno Henze herausgegeben wurde. (Eine weitere Ausgabe erschien 1973 von dem italienischen Gitarristen Ruggero Chiesa.) Etwa 1823 schrieb Giuliani eine alternative Version für eine Terzgitarre, ein etwas kleineres Instrument, das eine Terz höher gestimmt ist. Veröffentlicht wurde diese Fassung aber etwa 1823 nur als Klavierauszug. Die Besetzung mit Terzgitarre war auch als Alternative für sein erstes Gitarrenkonzert vorgesehen, sein drittes ist sogar nur für dieses Instrument geschrieben.

Mit seinen drei Gitarrenkonzerten hat Giuliani den umfangreichsten Beitrag zu dieser Besetzung im ganzen 19. Jahrhundert geschrieben. (Der Spanier Fernando Ferandiere hatte 1799 ein Werkverzeichnis erstellt, in dem sechs Gitarrenkonzerte von ihm aufgelistet sind, von denen aber heute jegliche Spur fehlt). Sein zweites Konzert in A-Dur, einer für Gitarristen leicht zu spielenden Tonart, ist dreisätzig mit einem schnellen Kopfsatz, einem ruhigen zweiten und einem schnellen Schlußsatz in Rondoform. Der erste Satz ist mit einem Schema wie der Sonatenhauptsatz, dem Giuliani noch in seinem ersten Konzert folgte, kaum zu fassen. Man kann eine doppelte Exposition erkennen (Orchester T. 1–95, Solist T. 96–202 sowie Orchesterschluß T. 202–243), eine Durchführung (243–322) und eine Reprise (323–384), wie es Thomas F. Heck (1995, Appendix II–B) gegliedert hat, aber in den Formteilen passiert nicht das, was man erwarten würde. Es beginnt schon damit, daß der Gitarrist in seiner Exposition nicht das wiederholt, was das Orchester vorgegeben hat. Letztlich ist ein einziges Hauptthema deutlich zu erkennen, das in beiden Expositionen jeweils im zweiten Drittel erscheint (T. 49–69 und 149–164). Die Durchführung startet mit einem neuen Thema. Erst im Anschluß daran wird das Hauptthema in variierter Form (T. 279–287) aufgegriffen, deutlich abgesetzt durch einen Tonartenwechsel nach C-Dur. Die Reprise, nun wieder in A-Dur, beginnt mit dieser Variante aus der Durchführung (T. 323–338). Zwischen diesen vier Themeneinsätzen, die acht oder sechzehn Takte dauern, dem ersten Thema der Durchführung und einigen thematischen Bereichen (z.B. T. 1–15, 33–49, 136–142), die sich aber nicht zu geschlossenen Themen formen, kann der Solist in virtuosen Passagen brillieren. Die für ihn wichtigen Einsätze zu Beginn der Solistenexposition und der Durchführung werden durch längere ruhige und leise Passagen der Streicher vorbereitet. Man wird diesem Konzert gerechter, wenn man es nicht am Modell einer Sonatenhauptsatzform mißt, sondern als weitestgehend freie Form versteht, vergleichbar einer Fantasie.

Der zweite Satz ist ein ruhiges Andantino, das auf einem lyrischen Thema aufbaut. Dieses wird zunächst von den Streichern vorgestellt (T. 1–8), dann vom Solisten wiederholt und variiert (T. 9–20). Nun folgt ein dramatischerer Teil mit verhaltener Virtuosität des Solisten (bis T. 33), bis die Streicher ein Thema spielen, das aus dem Anfang abgeleitet ist und die Dramatik wieder aufhebt. Der nächste Formteil vergrößert das harmonische Spektrum in ruhigen Dreiklangsbrechungen sowie Oktavengängen des Gitarristen. Am Ende (T. 52) erscheint wieder das Eingangsthema, das, wie im ersten Teil, in verhaltener Virtuosität ausläuft. Hier hat Giuliani eine wohlproportionierte ausdrucksstarke Miniatur geschaffen. Der Schlußsatz ist als abwechslungsreiches siebenteiliges Rondo gebaut, wobei jeder Formteil etwa gleichlang ist: A (T. 1–58) – B (T. 59–92) – C (T. 93–167) – A (167–194) – D (T. 195–246 mit Begleitung der Gitarre) – C (T. 247–301) – A (T. 301–338): Faßt man die Couplets zusammen, ergibt sich folgende Form: A – B+C – A – D+C – A, oder vereinfacht und neu bezeichnet: A–B–A–C–A, wobei die Couplets zweigeteilt sind und sich nur im vorderen Teil unterscheiden. Um noch einmal Fritz Buek zu zitieren: »Diese drei Konzerte, von denen das zweite als das schönste anzusprechen ist, gehören zu den umfangreichsten und bedeutendsten Werken der klassischen Gitarreliteratur; sie lehnen sich in Form und Stil an Haydn und Mozart an und sind für Terzgitarre mit Begleitung eines Streichquartetts oder kleinen Orchesters geschrieben.«

Jörg Jewanski, 2016

Literatur
– Buek, Fritz, Die Gitarre und ihre Meister, Berlin 1926.
– Ferrari, Romolo, Mauro Giuliani. Eine Lebensbeschreibung mit Anmerkungen, in: Der Gitarrefreund 30, 1929, H. 11/12, 81–85; 31, 1930, H. 1/2, 100–102, H. 3/4, 113–116, H. 5/6, 129–131, H. 7/8, 145–147, H. 9/10, 161–167.
– Riboni, Marco, Mauro Giuliani: un aggiornamento biografico, in: Il Fronimo, Nr. 81, 1992, 41–60; Nr. 82, 1993, 33–51; deutsche Übersetzung: Mauro Giuliani. Eine biographische Aktualisierung, in: Gitarre & Laute 15, 1993, H. 4, 18–22, 25–27, H. 5, 17–22, H. 6, 59–66; 1, 1994, H. 1, 49–54.
– Heck, Thomas F., Mauro Giuliani. Virtuoso Guitarist and Composer, Columbus/Ohio 1995.
– Heck, Thomas F., Mauro Giuliani, in: Stanley Sadie (Hg.), The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 2. Aufl. London 2001, Bd. 9, 910–911.
– Penn, Gerhard, Mauro Giuliani und andere Gitarristen in München – Übersehene Fakten und verschollene Werke, www.gitarre-archiv.at/dateien/Penn-Giuiliani-und-München-Kopie.pdf (2014).
– Lorenz, Michael, New Light on Mauro Giuliani’s Vienna Years, http://michaelorenz.blogspot.co.at/2015/04/new-light-on-mauro-giulianis-vienna.html (11. April 2015).

For performance material please contact Hofmeister, Leipzig. Reprint of a copy from the Musikbibliothek der Münchner Stadtbibliothek, Munich.

Partitur Nr.

1779

Edition

Repertoire Explorer

Sonderedition
Genre

Solo Instrument(s) & Orchestra

Format

210 x 297 mm

Performance materials
Piano reduction
Anmerkungen
Druck

Reprint

Seiten

78

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