Bull, Edvard Hagerup

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Bull, Edvard Hagerup

«Entre Deux Trains…» pour clarinette et quintuor d’archets (score and parts), first print

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Bull, Edvard Hagerup

«Entre Deux Trains…» pour clarinette et quintuor d’archets (score and parts), first print

I Animato (p. 1) – Poco più mancando (p. 5) – Adagio espressivo dolce (p. 12) –
II Adagio espressivo dolce (p. 14)

Vorwort
Edvard Hagerup Bull erwarb nach dem Studium Arild Sandvold (1895-1984) 1947 in Oslo sein Diplom als Organist. Außerdem studierte er Klavier bei Erling Westher (1903-86) und Reimar Riefling (1898-1981) sowie Komposition bei Bjarne Brustad (1895-1978) und Ludvig Irgens Jensen (1894-1969). Sein Vater Sverre Hagerup Bull (1892-1976) war ein angesehener Musikkritiker und sowohl Herausgeber als auch einer der Hauptautoren der norwegischen Musikenzyklopädie ‚Musikkens Verden’. Edvard Hagerup Bull hatte für einen norwegischen Komponisten eine sehr makellose Herkunft: sein Großvater väterlicherseits war ein Vetter von Edvard Grieg, und Ole Bull war der Onkel des Großvaters. Und eben dieser Großvater war mehrmals Finanz- und Justizminister während der Regierungszeit Christian Mikkelsens, also in der ersten norwegischen Regierung, nachdem das Land 1905 unabhängig von Schweden geworden war.

Von 1948 bis 1953 studierte Hagerup Bull am Pariser Conservatoire Komposition bei Darius Milhaud (1892-1974) und Jean Rivier (1896-1987) sowie Musikanalyse bei Olivier Messiaen (1908-92). Später, 1959-61, verbrachte er zwei weitere Jahre in Berlin, wo ihn Boris Blacher (1903-75) in Komposition und Josef Rufer (1893-1985) in Analyse unterwies. Zurück in Norwegen, war er nunmehr gerüstet, sich als freischaffender Komponist zu etablieren. Doch dazu kam es nicht. Er begegnete enormer Gleichgültigkeit, auch offenkundiger Feindseligkeit gegen seine Musik in seiner Heimat. Letzteres kam in geradezu symbolhafter Weise in der überwältigenden Flut negativer Kritiken zum Ausdruck, die seine Zweite Symphonie nach der Uraufführung 1963 in Oslo erhielt. Nach einer langen Krise, und mit einer jungen Familie, um die er sich zu kümmern hatte, entschied er sich, nach Frankreich zu übersiedeln, nachdem ihm sein geliebter Meister Milhaud versichert hatte, dass er sich wirklich auf dem richtigen Wege befinde, und dass die Zweite Symphonie ein herausragendes Werk sei, das die schlechten Kritiken keineswegs verdient hatte. In der Tat schätzte Milhaud Bull als einen seiner brillantesten Schüler und beschrieb ihn als einen „Musiker mit einer ausgezeichneten Technik und einer wirklich sehr verbindlichen, kraftvollen Persönlichkeit voller Phantasie“. Milhauds originale Worte lauten: «Je […] certifie que le compositeur norvégien Edvard Hagerup Bull […] est un musicien d’une technique solide et d’une personalité vraiment très attachante, vigoureuse et pleine de fantaisie» (17. Oktober 1963)
Während seiner Pariser Zeit erhielt Hagerup Bull sowohl Kompositionsaufträge von Radio France (‚Sinfonia Humana’ op. 37, ‚Air solennel’ op. 42 und ‚Posthumes’ op. 47) als auch von weiteren herausragenden französischen Ensembles wie dem Quatuor Instrumental de Paris, dem Ensemble Moderne de Paris und dem Trio Ravel. Auch war er der erste norwegische Komponist, der vom französischen Kulturministerium zwei Aufträge erhielt. Die resultierenden Werke waren seine Fünfte Symphonie (‚Sinfonia in memoriam’ op. 41) und das Concerto pour flûte et orchestre de chambre op. 33.

1987 kehrte Hagerup Bull nach Norwegen zurück. Das Jahr seines 80. Geburtstages wurde in seiner Heimat mit der Uraufführung seiner ‚Sinfonia espressiva’ (der Dritten Symphonie von 1964!) durch das Bergen Philharmonic Orchestra unter David Porcelijn (geb. 1947) begangen, flankiert von einem größeren Konzert mit Bulls Kammermusik unter dem Dach der Bergener Kammermusik-Gesellschaft.

Am 13. August 2006 wurde anlässlich des 45. Jahrestags des Baus der Berliner Mauer am Checkpoint Charlie Hagerup Bulls ‚Épilogue’ op. 26 für Streichorchester durch das deutsche Kammerorchester Berlin unter Jon Bara Johansen (geb. 1952) in Anwesenheit des Komponisten aufgeführt. Es ist dies die einzige Komposition, von der wir wissen, dass sie als Zeichen des Protests gegen den Bau der Berliner Mauer geschrieben wurde, und Bull vermachte sein originales Partiturmanuskript dem Mauermuseum. Dies war zugleich sein letzter öffentlicher Auftritt.

Aufgrund zunehmender Erblindung konnte Hagerup Bull in den letzten elf Jahren seines Lebens nicht mehr komponieren. Nach einer Zeit der Krankheit starb er drei Monate vor seinem 90. Geburtstag in Oslo.

Edvard Hagerup Bull ist einer der großen skandinavischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, mit einer sofort erkennbaren eigenen Stimme. Mehr als die Hälfte seines Schaffens ist immer noch unveröffentlicht, und nur ein Bruchteil seiner Musik ist bisher professionell aufgenommen worden. Entsprechend sporadisch kommt es zu Aufführungen seiner Musik. Mit umso größerer Freude präsentieren wir hier den Erstdruck seines letzten Werks «Entre Deux Trains…» für Klarinette und Streichquartett.
«Entre Deux Trains…» wurde vom norwegischen Klarinettisten und Komponisten Roger Arve Vigulf , dem das Werk gewidmet ist, in Auftrag gegeben. Vigulf spielte mit dem Hansa Quartett die Uraufführung am 14. September 2002 in der Logenhalle in Bergen bei einem Konzert der Bergener Kammermusikgesellschaft anlässlich des 80. Geburtstags des Komponisten.

Ursprünglich sollte die Komposition dreisätzig sein. Doch ließ ein Blutgerinsel in beiden Augen den Komponisten erblinden, bevor er das Werk so vollenden konnte, wie er es beabsichtigt hatte. Dieses Unglück setzte schlagartig Hagerup Bulls kompositorischer Tätigkeit ein Ende. Er lebte danach noch elf Jahre, ohne in der Lage zu sein, auch nur noch eine weitere Note zu Papier zu bringen. In seinen späten schöpferischen Jahren war Hagerup Bull zu musikalischem Material aus seiner Jugend zurückgekehrt und seine Musik – ohne ihren charakteristischen hochkonzentrierten Stil einzubüßen – wurde etwas milder im Ton. War ein großer Teil seiner reifen Musik von Kämpfen und gelegentlichen Anfällen von Erregung gezeichnet, so wandte er sich in seinen letzten Werken allgemein zurück zur musikantischen Spielfreude der Musik, die er als junger Mann geschrieben hatte. «Entre Deux Trains…» bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Der erste Satz versprüht Freude und Lebendigkeit. Die Straffheit der motivischen Arbeit, Hagerup Bulls typisches „tonales Versteckspiel” (bei welchem offenkundige tonale Zentren fortwährend durch harmoniefremde Töne verschleiert werden), und der Sinn für unerbittliche Vorwärtsbewegung (auch wenn die Musik lyrisch wird) lassen diesen Satz als eines von Hagerup Bulls besten Werken erscheinen. Im zweiten Satz finden wir den Komponisten in einer düstereren, grüblerischeren Verfassung. Ungewöhnlich für seine späten Kompositionen, bleibt die Atmosphäre über den ganzen Satz unverändert, und auch das Tempo erfährt keine Modifikation. Das Eingangsmotiv (eine absteigende Figur in fis-moll gegen eine Begleitung in unmissverständlichem a-moll) kehrt immer wieder zurück, wie auch einige andere Ideen und Motive, wodurch der Eindruck entsteht, als ob wir Zeugen eines sehr langsam sich verändernden Kaleidoskops seien. Der Schlussakkord (G-Dur mit einer unaufgelösten Quarte im Diskant) lässt Hagerup Bulls letzte musikalische Aussage in wahrhafter Offenheit enden, und die Frage bleibt im Raum, was als Nächstes gekommen ware, oder – wenn man die rastlose schöpferische Veranlagung des Komponisten mitempfindet – gewissermaßen der Drang, die Komposition zu vollenden.

«Entre Deux Trains…» ist ein mehr als wertvoller Beitrag zur nicht allzu reichlichen Literatur für Klarinette und Streichquartett und funktioniert besonders gut als Anfangsstück in Konzertprogrammen.

Was die vorliegende Edition betrifft, wurde darauf geachtet, so nahe wie möglich an der graphischen Beschaffenheit des Autographs zu bleiben. Das betrifft auch die Plazierung der dynamischen Bezeichnungen und Artikulationen. Einige offensichtlich fehlenden ‘arco’- und ‘pizz.’-Angaben wurden ergänzt. Darüber hinaus wurde nur eine Änderung vorgenommen: anstatt des originalen ‘attacca’ zwischen den Sätzen haben wir ‘quasi attacca’ geschrieben – aus dem einfachen Grund, dass es einer wie auch immer kurzen Pause bedarf, um die Dämpfer vor Beginn des zweiten Satzes aufzusetzen.

Eine Live-Aufführung des Werks kann auf Youtube angesehen werden:

Ricardo Odriozola, Bergen, 27 October 2016

Partitur Nr.

1920

Sonderedition

Amethyst Edition

Genre

Kammermusik

Format

225 x 320 mm

Anmerkungen

Set Score & Parts

Druck

Erstdruck

Seiten

54